Gedichte Hund


Gedichte - Hund

Sammlung an Gedichten mit Bezug zum Tier Hund für Leserunden und Gedächtniseinheiten.

Du sagst, du wärst so müde wie ein Hund,
So reizbar, krank und hungrig wie ein Hund,
So matt und melancholisch wie ein Hund,
so träge, schläfrig, müßig wie ein Hund.
Doch warum vergleichst Du dich mit einem Hund?

Worin der Mensch geringschätzt einen Hund,
Stell ich dich besser gleich mit einem Hund.
Du bist so treu und ehrlich wie ein Hund,
Bist unbefangen, lieb, so wie ein Hund,
Du bist so klug und tapfer wie ein Hund.

Sir John Davies

 

 

 

 

 

 

Nationalitätenhaß

Ich hab' ein Kätzchen und einen Hund,
Die schlossen einen Freundschaftsbund,
Obwohl sonst, wie die Leute sagen,
Sich Hund und Katze nicht vertragen.

Und nur der Mensch, der dank seinem Geist
Der König der ganzen Schöpfung heißt,
Verfolgt den Bruder mit grimmigem Hasse,
Gehört er nicht zu seiner Rasse.

Friedrich Pesendorfer

 

 

 

 

Der fremde Hund

Was fällt da im Boskettgesträuch
Dem fremden Hunde ein?
Geht man vorbei, so bellt er gleich
Und scheint wie toll zu sein.

Der Gärtner holt die Flinte her.
Es knallt im Augenblick.
Der arme Hund, getroffen schwer,
Wankt ins Gebüsch zurück.

Vier kleine Hündchen liegen hier
Nackt, blind und unbewußt.
Sie saugen emsig alle vier
An einer toten Brust.

Wilhelm Busch

 

 

 

 

Der Reisende

Ein Handwerksmann zog wandernd übers Feld;
Da fiel ein Hund ihn an. Er hatte nachts gefroren.
Ein Steinwurf galt des Hundes Ohren.
Umsonst, der Stein lag fest. - "Ha, die verkehrte Welt!
Wer mag hier hausen, wer sich raufen?
Die Steine legt man an, die Hunde läßt man laufen!"

Gerhard Anton Gramberg

 

 

 

 

Stoßseufzer eines Proleten

Ach dies ewige Gefrette
Ach die ewig ekle Not!
Jeden Morgen aus dem Bette:
Fort nach Brot, Hund,
Fort nach Brot!...

Ludwig Scharf

 

 

 

Weltmarkt

Die Peitsche saust
In herrischer Faust
Und trifft
Und zeichnet mit blutiger Schrift
Den Menschen, den Hund und das Pferd,
Die alle dasselbe nur wert,
Zu Knechten,
Die vergeblich schrein nach heiligen Rechten!

Emil Claar

 

 

 

Der Hund, der naß im Regen wurde,
empfand die Nässigkeit als Burde
und wünschte sich ein Taschentuch,
um sich zumindestens die Nase -
statt dessen wälzt er sich im Grase,
doch mit Mißerfolg,
da dies im nur auch Nässe ließ.

Christian Morgenstern

 

 

 

Ich bin ein rechtes Rabenaas,
Ein wahrer Sündenkrüppel,
Der seine Sünden in sich fraß,
Als wie der Rost den Zwippel.
Ach Herr, so nimm mich Hund beim Ohr,
Wirf mir den Gnadenknochen vor
Und nimm mich Sündenlümmel
In deinen Gnadenhimmel.

Galileo Galilei

 

 

 

 


Scheu irrt ein Hund von Tür zu Tür –,
ob wieder tritt sein Herr herfür.

Doch kalt die Hand, die ihn gestreichelt,
die Stimme still, die ihm geschmeichelt.

Der Hund jagt irr und scheu durchs Land,
suchenden Blickes, unverwandt.

Starrt fragend neu in jeden Tag,
lauscht nach dem einen Herzensschlag.

Sank auch des Herren Leib in Tod,
im Weltall seine Seele loht,

des harrend, der ihm Nacht und Tag
in Liebe treu zur Seite lag.

Sie harrt in einem neuen Kleid! –
Der Hund muß suchen nah und weit;

Auf Wüstenweg, bei Hungerbrot,
doch ohne Liebe dünkt's ihm Tod.

So sucht er irr von Tür zu Tür,
– aus keiner tritt sein Herr herfür. –

Das Hundeherz tobt heiß und stark –,
die Einsamkeit frißt ihm am Mark.

Im Blut gärt ihm das wilde Gift,
des Brand noch jede Sehnsucht trifft!

– Nach Liebe auf dem Erdenrund
sucht nur ein toller, kranker Hund! –

Hermione von Preuschen

 

 

 

Nichts geht über einen Hund

Jüngling, du, in reifen Jahren
willst du nehmen eine Frau,
denke stets an die Gefahren,
überleg' es dir genau.
Hüte dich vor schwacher Stund',
willst du leben ohne Plagen,
kauf´ dir lieber einen Hund.

So ein Hund gehört dir immer,
weil er dich als Herrn erkennt.
Bei 'ner Frau gelingt das nimmer,
denn Gehorsam ist ihr fremd.
Mitgift hat er freilich keine,
aber eines weiß du ganz genau:
so ein Hund wird immer treu sein,
weißt du das von deiner Frau?

So ein Hund weint keine Träne,
niemals braucht er Aspirin.
Abends hat er nie Migräne
und braucht nie was anzuzieh'n.
Willst du mal 'ne Reise machen,
kannst du ruhig den Wauwau
einem Freund in Pflege geben-
mach das mal mit deiner Frau.

Vor den Läden stehn die Frau'n,
neue Kleider sind ihr Ziel.
Können gar nicht satt sich schau'n,
haben heute nie zuviel.
Deinen Hund den brauchst du nimmer
auszuschmücken wie 'nen Pfau,
denn der geht ja nackend immer-
mach das mal mit deiner Frau.

Kommst du einmal spät nach Hause
und willst nun zu Bette geh'n
wird sie toben ohne Pause:
geh, ich will dich nicht mehr seh'n
Ja, wie anders ist ein Hündchen:
macht es mal zu laut wauwau,
kriegt es eins auf's Hundemündchen-
mach das mal mit deiner Frau.

Gehst du mitten auf der Straße,
bleibt sie plötzlich stille stehn.
Lieber Mann, mich drückt die Blase,
halt' die Tasche, ich muß gehn.
Deinem Hund genügt ein Bäumchen,
denn er nimmt's nicht so genau,
hebt doch einfach nur das Beinchen –
verlang das mal von deiner Frau.

Mit den Kindern hast du Plage,
jedes Jahr kommt eines an.
Trotzdem mußt du ohne Frage
jeden Tag von neuem ran.
Ohne daß du ihn mußt lieben,
bringt dir Junge dein Wauwau,
gleich auf einmal sechs und sieben
verlang das mal von deiner Frau.

Drum ihr Männer laßt euch sagen:
laßt die Finger von der Frau,
denn in ihren spät'ren Jahren
wird sie häßlich, alt und grau.
Wird dein Hund dir dann zuwider,
dann verkaufst du den Wauwau
kaufst dir einen neuen wieder-
verkauf mal so 'ne alte Frau.

Unbekannt

 

 

Stumme Liebe

Ich liebe dich – und muß dir doch entsagen!
Wie viele Süße und wie vieles Leid,
Wie viele schmerzdurchbohrte Seligkeit
Die armen, herben Worte in sich tragen!

In Ketten ist mein stürmisch' Herz geschlagen,
Und keine Gnade gibt es, die befreit,
Und keine Hoffnung, die ihm Flügel leiht –
Nur leiden darf es, doch es darf nicht klagen.

So folgt es dir wie ein getreuer Hund.
Und eines Tages wirst du es verjagen
Wie einen lästigen Hund – und es vergessen.

Und für die Liebe, jahrelang getragen,
Wird sich nicht einmal – einmal nur dein Mund
Auf meine stummgebliebnen Lippen pressen.

A. de Nora

 

 

 

Sprichwörter

Man darf dem Tag nicht vor dem Abend dankbar sein
und soll das Schicksal nicht für alles loben.
Ein Gutes kommt niemals allein,
und alles Unglück kommt von oben.

Die Peitsche liegt im Weine.
Die Wahrheit liegt beim Hund.
Morgenstund hat kurze Beine.
Lügen haben Gold im Mund.

Ein Meister nie alleine bellt.
Vom Himmel fallen keine Hunde.
Dem Glücklichen gehört die Welt.
Dem Mutigen schlägt keine Stunde.

Fred Endrikat

 

 

 

 

 

 

Daß ich dich liebe, o Möpschen,
Das ist dir wohlbekannt.
Wenn ich mit Zucker dich füttre,
So leckst du mir die Hand.

Du willst auch nur ein Hund sein,
Und willst nicht scheinen mehr;
All meine übrigen Freunde
Verstellen sich zu sehr.

Heinrich Heine

 

 

Der Junker und der Bauer

Ein Bauer trat mit seiner Klage
vor Junker Alexander hin:
"Vernehmt, Herr, daß ich heut am Tage
recht übel angekommen bin:
Mein Hund hat Eure Kuh gebissen.
Wer wird den Schaden tragen müssen?"
"Schelm, das sollst du!" fuhr hier der Junker auf,
"für dreißig Taler war mir nicht die Kuh zum Kauf,
die sollst du diesen Augenblick erlegen.
Das sei hiermit erkannt von Rechtes wegen."
"Ach nein, gestrenger Herr! ich bitte, hört"
rief ihm der Bauer wieder zu,
"ich hab es in der Angst verkehrt;
nein, Euer Hund biß meine Kuh."
Und wie hieß nun das Urteil Alexanders?
"Ja, Bauer! Das ist ganz was anders!"

Michael Richey

 

 

 

Der Bettler und sein Hund

Drei Taler erlegen für meinen Hund!
So schlage das Wetter mich gleich in den Grund!
Was denken die Herrn von der Polizei?
Was soll nun wieder die Schinderei?

Ich bin ein alter, ein kranker Mann,
Der keinen Groschen verdienen kann;
Ich habe nicht Geld, ich habe nicht Brot,
Ich lebe ja nur von Hunger und Not.

Und wann ich erkrankt, und wann ich verarmt,
Wer hat sich da noch meiner erbarmt?
Wer hat, wann ich auf Gottes Welt
Allein mich fand, zu mir sich gesellt?

Wer hat mich geliebt, wann ich mich gehärmt?
Wer, wann ich fror, hat mich gewärmt?
Wer hat mit mir, wann ich hungrig gemurrt,
Getrost gehungert und nicht geknurrt?

Es geht zur Neige mit uns zwein,
Es muß, mein Tier, geschieden sein;
Du bist, wie ich, nun alt und krank,
Ich soll dich ersäufen, das ist der Dank!

Das ist der Dank, das ist der Lohn!
Dir geht's wie manchem Erdensohn.
Zum Teufel! ich war bei mancher Schlacht,
Den Henker hab ich noch nicht gemacht.

Das ist der Strick, das ist der Stein,
Das ist das Wasser, – es muß ja sein.
Komm her, du Köter, und sieh mich nicht an,
Noch nur ein Fußstoß, so ist es getan.

Wie er in die Schlinge den Hals ihm gesteckt,
Hat wedelnd der Hund die Hand ihm geleckt,
Da zog er die Schlinge sogleich zurück
Und warf sie schnell um sein eigen Genick.

Und tat einen Fluch, gar schauderhaft,
Und raffte zusammen die letzte Kraft,
Und stürzt' in die Flut sich, die tönend stieg,
Im Kreise sich zog und über ihm schwieg.

Wohl sprang der Hund zur Rettung hinzu,
Wohl heult' er die Schiffer aus ihrer Ruh,
Wohl zog er sie winselnd und zerrend her, –
Wie sie ihn fanden, da war er nicht mehr.

Er ward verscharret in stiller Stund,
Es folgt' ihm winselnd nur der Hund,
Der hat, wo den Leib die Erde deckt,
Sich hingestreckt und ist da verreckt.

Adelbert von Chamisso

 

 


Was ist der Mensch? Ein Magen, zwei Arme,
Ein kleines Hirn und ein großer Mund,
Und eine Seele – daß Gott erbarme! –

Was muß der Mensch? Muß schlafen und denken,
Muß essen und feilschen und Karren lenken,
Muß wuchern mit seinem halben Pfund.
Muß beten und lieben und fluchen und hassen,
Muß hoffen und muß sein Glück verpaßen
Und leiden wie ein geschundener Hund.

Erich Mühsam

 

 

 

Ergebnis

Ich werde in diesem Leben
Die Menschen nicht besser machen;
Das hab' ich aufgegeben!
Ich weiß, mein Wunsch war zum Lachen.

So lange sie Atem haben,
Werden sie ohne Erröten,
Das eigene Ich zu erlaben,
Einander langsam töten.

Mein Hund nur, dem ich gepfiffen
Bei manchem Feldmausmorden,
Der hat mich schließlich begriffen:
Er ist besser geworden.

Emil Claar

 

 

 

 

 

Ein zänkisch Weib, ein trotz'ger Sohn, ein faul
Papiergeschäft, Diskont, Protest, Prozente,
Ein kranker Hund, ein lahmgewordner Gaul,
Ein Kind mit ausgeprägtem Schreitalente,
Die alte Tante mit dem bösen Maul,
Und einem noch viel bös'ren Testamente,
Dies sind nur Lumperei'n, doch sah ich selten
Den Mann, dem sie das Leben nicht vergällten.

Lord George Gordon Noel Byron

 

 

 

 

Hinter den Häusern heult ein Hund.
Denn die Schatten der Nacht sind bleich und lang;
und des Meeres Herz ist vom Weinen wund;
und der Mond wühlt lüstern im Tang.

Durch Morgennebel streicht hastig ein Boot,
die Segel schwarz, wie vom Tod geküßt.
Die Flut faucht salzig näher und droht ...
Bang knarrt der Seele morsches Gerüst.

Erich Mühsam

 

 

 

 

Ohne Feindschaft

Meinem Hunde rief ich zu,
Höre: gut sei und gescheit,
Kätzchen ist ein Tier wie du,
Also tue ihm kein Leid.

Und dem Kätzchen rief ich zu,
Höre: gut sei und gescheit,
Mäuschen ist ein Tier wie du,
Also tue ihm kein Leid.

Und so leben wir im Haus
Friedlich teilend manch Gericht,
Ich, mein Hund, und Katz' und Maus,
Nur die Menschen lernen's nicht!

Finken auch dem Fenster nahn,
Speisen mit in Sang und Sing,
Nachbarn freilich, die es sahn,
Nennen mich den Sonderling.

Emil Claar

 

 

 

Im Nachbarhof – o schöne Welt!
Mit Brettern, Stangen, Dielen,
Wie ist da alles vollgestellt,
Recht zum Versteckens spielen.

Da ist ein Hügel, ein Mauerloch,
Ein kleiner Stall für Schweine,
Des Hundes Hütte und dazu noch
Die lustigen, großen Steine.

Wie uns in stiller Seligkeit
Die Stunden da entschwinden
Kein schönrer Fleck ist weit und breit
Auf dieser Welt zu finden!

In allen Winkeln groß und klein
Die einen sich verstecken,
Die andern suchen aus und ein
An allen End' und Ecken.

Es folgen Hund und Vögelein
Dem fröhlichen Gewimmel.
O Kind, dir ist kein Raum zu klein,
Und jeder Raum ein Himmel!

Franz Bonn

 

 

 

Denkmalsschmelze

Da steht nun Gustav der Verstopfte,
aus Eisenguß, die Hand am Knauf.
Jedwedes brave Herze klopfte
und schlug zu jenem Standbild auf.

Und da –? Er wackelt auf dem Sockel
man gab ihm einen kräftigen Schub.
Die Adler, seine Ruhmesgockel,
das kommt nun alles hin zu Krupp.

Ein kleiner Hund ist der Entennte
vermutlich brüderlich gesinnt.
Er schnuppert an dem Postamente
und hebt das Bein. Die Träne rinnt.

Doch plötzlich sieht sein Aug nach oben.
Der Fürst ist weg! Wer weiß da Rat?
Sein Hinterbein bleibt zwar erhoben,
doch tut er nicht mehr, was er tat.

Du kleiner Hund, sei nicht verwundert.
Man kanns verstehn. Du bist verdutzt.
Denn seit dem Jahre Siebzehnhundert
hat Er zum erstenmal genutzt.

Kurt Tucholsky

 

 

 

Rezensent

Da hatt ich einen Kerl zu Gast,
Er war mir eben nicht zur Last;
Ich hatt just mein gewöhnlich Essen,
Hat sich der Kerl pumpsatt gefressen,
Zum Nachtisch, was ich gespeichert hatt.
Und kaum ist mir der Kerl so satt,
Tut ihn der Teufel zum Nachbarn führen,
Über mein Essen zu räsonieren:
"Die Supp hätt können gewürzter sein,
Der Braten brauner, firner der Wein."
Der Tausendsakerment!
Schlagt ihn tot, den Hund! Es ist ein Rezensent.

Johann Wolfgang von Goethe

 

 

 

 

Inkompetenz wird zur Tretmühle

Die Tiere fühlen, wo ihre Gaben liegen;
Ein Bär wird nicht versuchen zu fliegen,
ein lahmend Pferd bleibt stehn und sinnt,
bevor es die fünffache Hürde nimmt,
Ein Hund weicht instinktiv zur Seit',
Ist ihm der Graben zu tief und zu breit,
Der Mensch indes scheint mir die einz'ge Kreatur,
Die von Dummheit gelenkt, bekämpft die Natur,
Der, wenn sie mahnend ruft: Laß ab!
wider seinen Genius ringt,
ihm töricht seinen Plan aufzwingt.

Jonathan Swift

 

 

 


Lumpentum

Die reichen Leute, die gewinnt
Man nur durch platte Schmeichelein –
Das Geld ist platt, mein liebes Kind,
Und will auch platt geschmeichelt sein.

Das Weihrauchfaß, das schwinge keck
Vor jedem göttlich goldnen Kalb;
Bet an im Staub, bet an im Dreck,
Vor allem aber lob nicht halb.

Das Brot ist teuer dieses Jahr,
Jedoch die schönsten Worte hat
Man noch umsonst – Besinge gar
Mäcenas' Hund, und friß dich satt

Heinrich Heine

 

 

 

 

Was ein Baum ohne Laub,
was ein Kirchturm ohne Glocken,
was ein Keller ohne Wein,
eine Suppe sonder Brocken,
was ein Schiff ist ohne Segel,
was ein Anker ohne Grund,
was ein Schütze sonder Pulver,
und ein Jäger ohne Hund,
was ein Weber ohne Garn,
was ein Schlosser ohne Eisen,
was ein Bäcker ohne Mehl,
und ein Garkoch ohne Speisen,
was ein Fuhrmann ohne Wagen,
und ein Bauer ohne Feld;
dies, und zehnmal noch minder,
ist der Adel ohne Geld.

Johann Grob

 

 

 

 

Sein Eigenschaft und Art
Bekam ein jedes Tier,
Und wie sie einmal war,
so bleibt sie für und für.
Der Löwe bleibt beherzt,
Es bleibt der Hase scheu,
Der Fuchs bleibt immer schlau,
Der Hund verbleibt getreu;
Der Mensch nur wandelt sich,
Verpuppt sich immerdar,
Ist diese Stunde nicht,
Der er in jener war.
Was hilft ihm dann Vernunft?
Sie hilft ihm ganz allein,
Daß mit Vernunft er kann
Recht unvernünftig sein.

Friedrich Freiherr von Logau

 

 

 

Allein [An meinen Hund]

Seit du mir fehlst, ward's in den Arbeitsnächten
so lautlos still......
Sonst fühlt' ich, treu gesellt,
dein Leben doch in all der Totenruhe,
in der die Nacht nur mit sich selber sprach.
Wie fragend hob dein mächt'ger Kopf sich oft
und sah mich an. Und lässig fiel die Hand,
bog sich vertraut um deines Ohres Muschel
und schrieb, noch warm von ihrer Wärme, fort…

Heut griff sie tastend durch den leeren Raum.

Carl Hermann Busse

 

 

Frau Werner hieß das Tier

Mein Hund, den ich einmal an Oertners gab,
Weil sie ihn überlieb gewonnen hatten,
Den mussten sie heute bestatten.
Betteten ihn in ein Hundegrab.

Eine Terrierhündin, die vierzehn Jahr
Alt wurde und Kriegskameradin mir war,
Ist sanft und rührend entschlafen.
Nun weinen die Oertners, die braven.

Mich tröstet traurig: So ging's, so geht's.
Hat Bug wie Heck seine Wellen. –
In meinem besten Erinnern wird stets
Etwas wedeln und etwas bellen.

Joachim Ringelnatz

 

 

 

 

Hund und Katze

Miezel, eine schlaue Katze,
Molly, ein begabter Hund,
Wohnhaft an demselben Platze,
Haßten sich aus Herzensgrund.

Schon der Ausdruck ihrer Mienen
Bei gesträubter Haarfrisur
Zeigt es deutlich: Zwischen ihnen
Ist von Liebe keine Spur.

Doch wenn Miezel in dem Baume,
Wo sie meistens hin entwich,
Friedlich dasitzt wie im Traume,
Dann ist Molly außer sich.

Beide lebten in der Scheune,
Die gefüllt mit frischem Heu.
Alle beide hatten Kleine,
Molly zwei und Miezel drei.

Einst zur Jagd ging Miezel wieder
Auf das Feld: Da geht es bumm.
Der Herr Förster schoß sie nieder.
Ihre Lebenszeit ist um.

Oh, wie jämmerlich miauen
Die drei Kinderchen daheim.
Molly eilt, sie zu beschauen,
Und ihr Herz geht aus dem Leim.

Und sie trägt sie kurz entschlossen
Zu der eignen Lagerstatt,
Wo sie nunmehr fünf Genossen
An der Brust zu Gaste hat.

Mensch, mit traurigem Gesichte,
Sprich nicht nur von Leid und Streit.
Selbst in Brehms Naturgeschichte
Findet sich Barmherzigkeit.

Wilhelm Busch

 

 

 

 

Der Hund

Da oben wird das Bild von einer Welt
aus Blicken immerfort erneut und gilt.
Nur manchmal, heimlich, kommt ein Ding und stellt
sich neben ihn, wenn er durch dieses Bild

sich drängt, ganz unten, anders, wie er ist;
nicht ausgestoßen und nicht eingereiht,
und wie im Zweifel seine Wirklichkeit
weggebend an das Bild, das er vergißt,

um dennoch immer wieder sein Gesicht
hineinzuhalten, fast mit einem Flehen,
beinah begreifend, nah am Einverstehen
und doch verzichtend: denn er wäre nicht.

Rainer Maria Rilke

 

 

 

Die Angst

Es krallt sich um die Sonne eine Hand.
Ein lauer Wind jagt dürre Blätter raschelnd auf.
Ein toter Vogel stürzt aus Wolkenhöh
zerschmettert an die Erde.
In dumpfer Hütte Mensch an Mensch gedrängt,
voll Grauen starrend in den schwefelgelben Tag.
Die Tür fliegt auf, von unsichtbarer Hand berührt.
Der Hund kriecht winselnd in die Ecke.
Und langsamer wird jetzt der Wanduhr Ticken,
noch einmal tick und tack –
dann steht die Uhr. –
Ein grelles Lachen in den Lüften!
Es horchen starr die Menschen in die Leere.

Hermann Harry Schmitz

 

 

 

Ich bin eben so…

Es ist zu einfach,
einen "Straßenköter" zu streicheln,
zuzusehen, wie er in ein Auto läuft
und zu sagen
es war ja nicht mein Hund.

Es ist zu einfach,
eine Rose zu bewundern,
sie zu pflücken
und zu vergessen,
Wasser in die Vase zu geben.

Es ist zu einfach,
einen Menschen zu benützen,
zu lieben ohne Liebe,
ihn stehen zu lassen und zu sagen:
Ich kenne ihn nicht mehr.

Es ist zu einfach,
seine Fehler zu kennen,
sie auszuleben
auf Kosten anderer und
zu sagen:

Ich bin eben so…

Unbekannt

 

 

 


Die drei Raben

Drei Raben saßen auf einem Baum,
Drei schwärzere Raben gab es kaum.

Der eine sprach zu den andern zwei'n:
»Wo nehmen wir unser Frühmahl ein?«

Die andern sprachen: »Dort unten im Feld
Unterm Schilde liegt ein erschlagener Held.

Zu seinen Füßen liegt sein Hund
Und hält die Wache seit mancher Stund'.

Und seine Falken umkreisen ihn scharf,
Kein Vogel, der sich ihm nahen darf.«

Sie sprachen's. Da kam eine Hinde daher,
Unterm Herzen trug sie ein Junges schwer.

Sie hob des Toten Haupt in die Höh
Und küßte die Wunden, ihr war so weh.

Sie lud auf ihren Rücken ihn bald
Und trug ihn hinab zwischen See und Wald.

Sie begrub ihn da vor Morgenrot,
Vor Abend war sie selber tot.

Gott sende jedem Ritter zumal
Solche Falken und Hunde und solches Gemahl.

Theodor Fontane

 

 

 

Tierschutz

Seien Sie nett zu den Pferden!
Die Freiheit ist so ein köstliches Gut.
Wie weh Gefangenschaft tut,
Merken wir erst, wenn wir eingesperrt werden.

Seien Sie lieb zu den Hunden!
Auch zu den scheinbar bösesten.
Kein Mensch kann in Ihren schlimmen Stunden
Sie so, wie ein Hund es kann, trösten.

Gehen Sie bei der Wanze
Aufs Ganze.
Doch lassen Sie krabbeln, bohren und graben
Getier, das Ihnen gar nichts entstellt.

Alle Tiere haben
Augen aus einer uns unbekannten Welt.

Kochen Sie die Forelle nicht
Vom Kaltwasser an lebendig!

Auch jeder Gegenstand hat sein Gesicht,
Außen wie inwendig.
Und nichts bleibt vergessen.

Die Ewigkeit, die Unendlichkeit
Hat noch kein Mensch ausgemessen,
Aber der Weg dorthin ist nicht weit.

Suchen Sie jedwede Kreatur
In ihr selbst zu begreifen.
Jedes Tier gehorcht seinem Herrn.

Sich selber nur
Dürfen Sie - und sollen es gern -
Grausam dressieren (die Eier schleifen).

Joachim Ringelnatz

 

 

Ich fürchte mich so vor der
Menschen Wort.
Sie sprechen alles so deutlich
aus:
Und dieses heißt Hund und
jenes heißt Haus,
und hier ist Beginn und das
Ende ist dort.

Mich bangt auch ihr Sinn,
ihr Spiel mit dem Spott,
sie wissen alles, was wird und
war;
kein Berg ist ihnen mehr
wunderbar;
ihr Garten und Gut grenzt grade
an Gott.

Ich will immer warnen und
wehren: Bleibt fern.
Die Dinge singen hör ich so
gern.
Ihr rührt sie an: sie sind starr
und stumm.
Ihr bringt mir alle die Dinge um.

Rainer Maria Rilke

 

 

 

Zum Einschlafen zu sagen

Ich möchte jemanden einsingen,
bei jemandem sitzen und sein.
Ich möchte dich wiegen und kleinsingen
und begleiten schlafaus und schlafein.
Ich möchte der Einzige sein im Haus,
der wüßte: die Nacht war kalt.
Und ich möchte horchen herein und hinaus
in dich, in die Welt, in den Wald.
Die Uhren rufen sich schlagend an,
und man sieht der Zeit auf den Grund.
Und unten geht noch ein fremder Mann
und stört einen fremden Hund.
Dahinter wird Stille. Ich habe groß
die Augen auf dich gelegt;
und sie halten dich sanft und lassen dich los,
wenn ein Ding sich im Dunkel bewegt.

Rainer Maria Rilke

 

 

 

Vom Weibernehmen

Schweiget mir vom Weibernehmen,
Es bringt lauter Ungemach
Geld ausgeben, sorgen, grämen!
Einmal »juch« und dreimal »ach«!
Ist sie jung, so will sie fechten,
Ist sie alt, so ist's der Tod!
Ist sie reich, so will sie rechten,
Ist sie arm, wer schaffet Brot?
Wieviel Mäuler muß man speisen,
Was verschleppen Hund und Katz?
Und wann sich die Freunde weisen,
Was für Geld bleibt auf dem Platz?
Über Fische, Fleisch und Grütze
Bier und Wein und liebes Brot?
Wann nun erst die Frau nichts nütze,
Scheide Gott die liebe Not!

Unbekannt

 

 

 

 

Ich habe dich so lieb

Ich habe dich so lieb!
Ich würde dir ohne Bedenken
Eine Kachel aus meinem Ofen
schenken.

Ich habe dir nichts getan.
Nun ist mir traurig zumut.
An den Hängen der Eisenbahn
Leuchtet der Ginster so gut.

Vorbei - verjährt -
Doch nimmer vergessen.
Ich reise.
Alles, was lange währt,
Ist leise.

Die Zeit entstellt
Alle Lebewesen.
Ein Hund bellt.
Er kann nicht lesen.
Er kann nicht schreiben.
Wir können nicht bleiben.

Ich lache.
Die Löcher sind die Hauptsache
An einem Sieb.

Ich habe dich so lieb.

Joachim Ringelnatz

 

 

 

 

 

Über Vergänglichkeit

Noch spür ich ihren Atem auf den Wangen:
Wie kann das sein, daß diese nahen Tage
Fort sind, für immer fort, und ganz vergangen?

Dies ist ein Ding, das keiner voll aussinnt,
Und viel zu grauenvoll, als daß man klage:
Daß alles gleitet und vorüberrinnt.

Und daß mein eigenes Ich, durch nichts gehemmt,
Herüberglitt aus einem kleinen Kind,
Mir wie ein Hund unheimlich stumm und fremd.

Dann: daß ich auch vor hundert Jahren war
Und meine Ahnen, die im Totenhemd,
Mit mir verwandt sind wie mein eigenes Haar,

So eins mit mir als wie mein eignes Haar.

Hugo von Hofmannsthal

 

 

 

 

Ich liebe dich

Vier adlige Rosse
voran unserm Wagen,
wir wohnen im Schlosse
in stolzem Behagen.

Die Frühlichterwellen
und nächtens der Blitz,
was all sie erhellen,
ist unser Besitz.

Und irrst du verlassen,
verbannt durch die Lande;
mit dir durch die Gassen
in Armut und Schande!

Es bluten die Hände,
die Füße sind wund,
vier trostlose Wände,
es kennt uns kein Hund.

Steht silberbeschlagen
dein Sarg am Altar,
sie sollen mich tragen
zu dir auf die Bahr',

Und fern auf der Heide
und stirbst du in Not,
den Dolch aus der Scheide,
dir nach in den Tod!

Detlev von Liliencron

 

 


Die Küsse

Als sich aus Eigennutz Elisse
Dem muntern Koridon ergab,
Nahm sie für einen ihrer Küsse
Ihm anfangs dreißig Schäfchen ab.

Am andern Tag erschien die Stunde,
Daß er den Tausch viel besser traf.
Sein Mund gewann von ihrem Munde
Schon dreißig Küsse für ein Schaf.

Der dritte Tag war zu beneiden:
Da gab die milde Schäferin
um einen neuen Kuß mit Freuden
Ihm alle Schafe wieder hin.

Allein am vierten gings betrübter,
Indem sie Herd' und Hund verhieß
Für einen Kuß, den ihr Geliebter
Umsonst an Doris überließ.

Friedrich von Hagedorn

 

 

Liebesweh

Zähre rieselt mir um Zähre
in des Betts zerwühltes Laken.
Bange Angstgedanken haken
sich in meiner Seele Schwere.

Schmerzgekrümmt sind meine Beine;
traurig triefend hängt der Bart
von den Tränen, die ich weine -
und die Nase trieft apart ...

Ach, es ist der Traum der Liebe,
den ich durch die Seele siebe.
Ach, es ist der Liebe Weh,
die mich zwickt vom Kopf zum Zeh. -

Armes Herz! Die Träume wittern
fernen Trost. Ich spann' die Ohren -
und durch meiner Seele Zittern,
fernherflüsternd, traumverloren,
murmelt ein geliebter Mund:
Schlapper Hund!

Erich Mühsam

 

 

 

 

Ich hab' mit Dir noch nie allein gesprochen,
Du sahst noch niemals tief in mein Gesicht,
Kennst nur die Narrenmaske, aber nicht
Die Seele, die dahinter ist zerbrochen.
Wie ein geschlagner Hund ist sie verkrochen,
Den Blick zur Erde wie ein Bösewicht,
Und will doch nichts als Liebe, Geist und Licht –
Die arme Seele, die mir fast zerbrochen.
Da ist in ihr verfrostet Einsamsein
Dein junger Anhauch sündhaft eingedrungen,
Da fühlte ich: es schmilzt in mir der Stein,
Der mich hinunterzog zu Niederungen.
Wir waren noch zusammen nie allein –
Und doch ist dieses Wunder Dir gelungen.

Anton Wildgans

 

 

 

 

 

 

Pythagoras

In Kroton starb ein armer Greis.
Sein Freund ein alter Pudel harrte
Fest bey ihm aus: Den Todesschweis
Leckt er ihm vom Gesicht. Man scharrte
Den Leichnam ein. Der fromme Hund
Sprang wimmernd in den Schlund
Und starb. Fort in die Schindergrube,
Geselle, mit dem schnöden Aas!
So schrie der orthodoxe Bube,
Der Todtengräber. Unmensch! laß
Bei seinem Freunde des Getreuen
Gebeine modern; sie entweihen,
Sein Grab nicht, rief Pythagoras!
Der sie belauschte, gute Seelen
Schließt Eines Gottes Himmel ein,
Ihr Pilgersrock, den sie nicht wählen,
Mag glatt nun, oder zottigt seyn.

Gottlieb Konrad Pfeffel

 

 

 

 

Ferngruß von Bett zu Bett

Wie ich bei dir gelegen
Habe im Bett, weißt du es noch?
Weißt du noch, wie verwegen
Die Lust uns stand? Und wie es roch?

Und all die seidenen Kissen
Gehörten deinem Mann.
Doch uns schlug kein Gewissen.
Gott weiß, wie redlich untreu
Man sein kann.

Weißt du noch, wie wir's trieben,
Was nie geschildert werden darf?
Heiß, frei, besoffen, fromm und scharf.
Weißt du, daß wir uns liebten?
Und noch lieben?

Man liebt nicht oft in solcher Weise.
Wie fühlvoll hat dein spitzer Hund bewacht.
Ja unser Glück war ganz und rasch und leise.
Nun bist du fern.
Gute Nacht.

Joachim Ringelnatz

 

 

 

Aufgebung

Ich lasse das Schicksal los.
Es wiegt tausend Milliarden Pfund;
Die zwinge ich doch nicht, ich armer Hund.

Wies rutscht, wies fällt,
Wies trifft - so warte ich hier. -
Wer weiß denn vorher, wie ein zerknittertes Zeitungspapier
Weggeworfen im Wind sich verhält?

Wenn ich noch dem oder jener (zum Beispiel dir)
Eine Freude bereite,
Was will es dann heißen: "Er starb im Dreck"? -
Ich werfe das Schicksal nicht weg.
Es prellt mich beiseite.

Ich poche darauf: Ich war manchmal gut.
Weil ich sekundenlang redlich gewesen bin. -
Ich öffne die Hände. Nun saust das Schicksal dahin.
Ach, mir ist ungeheuer bange zumut.

Joachim Ringelnatz

 

 

 

 

 

 

 

Der Bauer an seinen Fürsten

Wer bist du, Fürst? daß über mich
Herrollen frei dein Wagenrad,
Dein Roß mich stampfen darf?

Wer bist du, Fürst? daß in mein Fleisch
Dein Freund, dein Jagdhund, ungebläut
Darf Klau und Rachen haun?

Wer bist du? daß, durch Saat und Forst,
Das Hurra deiner Jagd mich treibt,
Entatmet wie das Wild?

Die Saat, so deine Jagd zertritt,
Was Roß und Hund und du verschlingst,
Das Brot, du Fürst, ist mein!

Du Fürst hast nie bei Egg' und Pflug,
Hast nie den Erntetag durchschwitzt!
Mein, mein ist Fleiß und Brot! –

Ha! du wärst Obrigkeit von Gott?
Gott spendet Segen aus! du raubst!
Du nicht von Gott! Tyrann!

Gottfried August Bürger

 

 


An meinen Hund

Öffnest deine warmen braunen
Sonnenaugen auf das meine,
Suchst darin mit Kinderstaunen,
Wie ich's heute mit dir meine.

Ob den Stock zum Wurf ich schwenke,
Daß du flinken Sprungs ihn bringest,
Ob du bettelnd mich bezwingest,
Daß ich dir den Zucker schenke.

Ob die Hand ich zu dir neige,
Und die Schelmenohren kraue,
Ob ich nach dem Schatten steige
Oder hin zur Sonnenaue.

Gläubig hoffst du, daß ich wähle,
Was für dich am besten taugt,
Heilig strahlt's aus deiner Seele
Durch ein glaubenstarkes Auge.

Ach, mein Freund, auch ich, ich blicke
Auf zu fremden Augensternen.
Mir und dir wehn die Geschicke
Aus den gleichen Himmelsfernen.

Jakob Boßhart

 

 

 

 

Der Herbsthund

Der Herbsthund, der im Walde lebt
– Aus lauter dürrem Laub sein Fell –
Er füllt, wenn Blatt um Blatt verschwebt,
Die Luft mit heiserem Gebell.

Er sitzt und kläfft die Bäume an,
Bis jeder ihm sein Laub beläßt,
Und springt in seinem irren Wahn
Von Nord nach Süd, von Ost nach West.

Der Herbsthund, der im Walde wohnt,
Er heult oft fort die ganze Nacht,
Indeß sein bleicher Freund, der Mond,
Durch immer kahlres Astwerk lacht.

Und wer den Herbsthund je gesehn,
Dem wird nicht wohl mehr auf der Welt:
Er muß durch welke Blätter gehn,
Bis ihm der Hund des Todes bellt.

Ludwig Scharf

 

 

 

 

Botenart 491 5408

Der Graf kehrt heim vom Festturnei,
Da wollt an ihm sein Knecht vorbei.

"Holla, woher des Wegs? Sag' an!
Wohin, mein Knecht, geht deine Bahn?"

"Ich wandle, daß der Leib gedeih',
"Ein Wohnhaus such' ich mir nebenbei."

"Ein Wohnhaus? Nun, sprich g'rad heraus,
"Was ist gescheh'n bei uns zu Haus?"

"Nichts sonderlich's! Nur todeswund
"Liegt euer kleiner weißer Hund."

"Mein treues Hündchen todeswund!
"Sprich, wie begab sich's mit dem Hund?"

"Im Schreck eu'r Leibroß auf ihn sprang,
"Drauf lief's in den Strom, der es verschlang."

"Mein schönes Roß, des Stalles Zier!
Wovon erschrak das armen Tier?"

"Besinn' ich mich recht, erschrak's davon,
"Als von dem Fenster stürzt' eu'r Sohn." -

"Mein Sohn! Doch blieb er unverletzt?
"Wohl pflegt mein süßes Weib ihn jetzt?"

"Die Gräfin rührte stracks der Schlag,
"Als vor ihr des Herrleins Leichnam lag."

"Warum bei solchem Jammer und Graus,
"Du Schlingel, hütest du nicht das Haus?" -

"Das Haus? Ei, welches meint ihr wohl?
"Das eure liegt in Asch' und Kohl'.

"Die Leichenfrau schlief ein an der Bahr'
"Und Feuer fing ihr Kleid und Haar.

"Und Schloß und Stall verlodert' im Wind!
"Dazu das ganze Hausgesind!

"Nur mich hat das Schicksal aufgespart,
"Euch's vorzubringen auf gute Art."

Anastasius Grün

 

 

 

Das erfrorene Vögelchen

Lag ein graugelb Vögelein
über dem weißen Schnee,
festgeschlossen die Augen klein,
Beinchen in die Höh.

Sprangen lustig vom Dorf herbei
Kinder mit ihrem Hund,
standen auf einmal still die drei
vor dem Vogel am Grund.

Hob das Mädchen ihn auf vom Schnee;
traurig das Köpfchen hing.
Tat den beiden das Herzchen weh;
sprachen: "Das arme Ding!

Fand schon lange kein Körnchen mehr;
alles so dick verschneit!
Wenn's zu uns doch gekommen wär,
hätten wir gerne gestreut!"

Trugen sie's langsam zum Garten fort,
machten ihm da sein Grab
an den allerstillsten Ort,
den es nur irgend gab.

Aus dem Schnee ragt ein Hüglein frei,
drüber ein Zweiglein gut.
Piepen zwei kleine Vöglein dabei,
wissen nicht, wer da ruht.

Viktor Blüthgen

 

 

 

Konkurrenz

Ich kenne ein liebliches Mädchen,
für das mein Herz entbrennt;
jedoch ihr Vater ist leider
mein schlimmster Konkurrent.
Gelangt seine Firma zur Blüte,
dann komme ich auf den Hund,
doch siege ich in dem Kampfe,
geht er gewißlich zugrund.

Bleibt jener andere Sieger,
ist sie eine gute Partie,
dann gibt er mir armer Schlucker
die einzige Tochter nie;
doch schlage ich ihn aus dem Felde,
ist die Heirat ein mißlicher Schritt,
dann bringt meine Herzallerliebste
keinen einzigen Kreuzer mit.

"Einst waren zwei Königskinder,
die hatten einander so lieb
und konnten zusammen nicht kommen,
das Wasser war viel zu tief."
Leb' wohl, mein schwarzbraunes Mädchen,
Leb' wohl, o Liebe und Lenz!
Viel schlimmer als meertiefes Wasser
ist unsere Konkurrenz.

Heinrich Schäffer

 

 

 

Zu spät

Ach, daß ich verpaßt, verpaßt die Zeit,
Da die Welt so offen noch war und so weit,
Und die Weiber so heiß und mein Herz so toll,
Und die Brüste so weiß und die Lippen so voll!

Die Tafel des Lebens war reich besetzt,
Und alles hat sich an ihr ergetzt…
Nur ich lag draußen wie ein Hund
Mit hungrigem Herzen und lechzendem Mund.

Nun klafft die Tür … Und hinein! – In der Luft
Liegt noch von all dem Süßen der Duft!
Doch glatt sind die Platten, die Becher leer –
Nur welke Rosen liegen umher.

Und das Alter mit grämlichem Angesicht
Räumt ab die Tafel und höhnt und spricht:
– Zu spät, mein Hündchen! Hinaus! Hinaus!
– Und der Tod löscht lächelnd die Lichter aus…

A. de Nora

 

 

 

Lied eines theokritischen Ziegenhirten

Da lieg’ ich, krank im Gedärm, —
Mich fressen die Wanzen.
Und drüben noch Licht und Lärm!
Ich hör’s, sie tanzen…

Sie wollte um diese Stund’
Zu mir sich schleichen.
Ich warte wie ein Hund, —
Es kommt kein Zeichen.

Das Kreuz, als sie’s versprach?
Wie konnte sie lügen?
— Oder läuft sie jedem nach,
Wie meine Ziegen?

Woher ihr seid’ner Rock? —
Ah, meine Stolze?
Es wohnt noch mancher Bock
An diesem Holze?

— Wie kraus und giftig macht
Verliebtes Warten!
So wächst bei schwüler Nacht
Giftpilz im Garten.

Die Liebe zehrt an mir
Gleich sieben Übeln, —
Nichts mag ich essen schier.
Lebt wohl, ihr Zwiebeln!

Der Mond ging schon in’s Meer,
Müd sind alle Sterne,
Grau kommt der Tag daher, —
Ich stürbe gerne.

Friedrich Wilhelm Nietzsche

 

 

 

Die Alten

Da haben sie ihr Lebtag sich gequält,
Von früh bis spät geschuftet und geschunden.
Und, wie der Eingekerkerte die Stunden
Die Jahre ihres Arbeitsjochs gezählt.

Nun klingt die Glocke endlich: Frieden! Frieden!
Und Feierabend! Ihres Käfigs Tor
Ist endlich offen und sie stehn davor,
Nun ist auch ihnen einmal Ruh' beschieden!

Erlösung! Ruh'! Wie sie das langsam schlürfen,
Wie sie das kosten werden bis zum Grund,
Dies selig süße Nichtmehrsorgendürfen!
Nicht mehr sich plagen müssen wie ein Hund!

Dies große Glück! … Und ihre Hände schlingen
Sich ineinander, und die Augen sprühn …
– Da läutet in der Luft ein Sensenklingen – –
– Da mäht der Tod sie an der Schwelle hin!

Ach, ihres Glückes einzig karge Spende
Nach all der Arbeit, Mühe, Sorg und Not
War nur, – daß sie, verschlungen Herz und Hände,
Gemeinsam gehen durften in den Tod.

A. de Nora

 

 

 

 

Herr Oluf

Herr Oluf reitet spät und weit,
Zu bieten auf seine Hochzeitsleut.

Da tanzen die Elfen auf grünem Land,
Erlkönigs Tochter reicht ihm die Hand.

"Willkommen, Herr Oluf! Was eilst von hier?
Tritt her in den Reihen und tanz mit mir!"

"Ich darf nicht tanzen, nicht tanzen ich mag,
Frühmorgen ist mein Hochzeittag."

"Hör an, Herr Oluf, tritt tanzen mit mir,
Zwei güldne Sporne schenk ich dir.

Ein Hemd von Seide so weiß und fein,
Meine Mutter bleichts mit Mondenschein."

"Ich darf nicht tanzen, nicht tanzen ich mag,
Frühmorgen ist mein Hochzeitstag."

"Hör an, Herr Oluf, tritt tanzen mit mir,
Einen Haufen Goldes schenk ich dir."

"Einen Haufen Goldes nähm ich wohl;
Doch tanzen ich nicht darf noch soll."

"Und willt, Herr Oluf, nicht tanzen mit mir,
Soll Seuch und Krankheit folgen dir."

Sie tät einen Schalg ihm auf sein Herz,
Noch nimmer fühlt er solchen Schmerz.

Sie hob ihn bleichend auf sein Pferd.
"Reit heim nun zu deinem Fräulein wert!"

Und als er kam vor Hauses Tür,
Seine Mutter zitternd stand dafür.

"Hör an, mein Sohn, sag an mir gleich,
Wie ist deine Farbe blaß und bleich?"

"Und sollt sie nicht sein blaß und bleich,
Ich kam in Erlenkönigs Reich."

"Hör an, mein Sohn, so lieb und traut,
Was soll ich sagen deiner Braut?"

"Sagt ihr, ich sei im Wald zur Stund,
Zu proben da mein Pferd und Hund."

Frühmorgen und als es Tag kaum war,
Da kam die Braut mit der Hochzeitschar.

"Sie schenkten Met, sie schenkten Wein;
Wo ist Herr Oluf, der Bräutigam mein?"

"Herr Oluf er ritt in Wald zur Stund,
Er probt allda sein Pferd und Hund."

Die Braut hob auf den Scharlach rot,
Da lag Herr Oluf, und er war tot.

Johann Gottfried von Herder

 

 

 


Der baltische Junker

Die baltischen Junker aus deutschem Geschlecht,
Oft waren es wilde Gesellen,
Hochmütig und ehrlich und selbstgerecht,
Unfähig, sich schlau zu verstellen.
Sie lernten zu wenig und jagten zu viel,
Sie lebten zu ungebunden
Und saßen so gerne beim Kartenspiel
Bis tief in die Abendstunden.
Und wußten im Stalle besser Bescheid
Als unter Schreibern und Knechten
Und waren in allen Gefahren bereit,
In erster Reihe zu fechten.
Und wenn von bolschewistischem Hund
Geleitet zum Richtplatz sie gingen,
Dann zog es spöttisch um ihren Mund,
Bevor sie die Kugel empfingen.
Sie lernten zu wenig, sie lebten zu treu
Als ihrer Vorfahren Erben,
Doch flüsterten selbst ihre Henker scheu:
Sie wissen aufrecht zu sterben!

Die Hölle gärt. Aus allen Finsternissen
Bäumt sich ihr Widerspruch in steiler Wut,
Ohnmächtig fordernd, was sich ganz entrissen.
Aus Himmeln aber brandet Rosenfeuerglut!
Durch dampfendes Gewölk, sich klar enthüllend,
Emporgetürmt ins letzte Ätherblau,
Mit unfaßbarem Licht die Räume füllend,
Wächst eines Münsters Riesenwunderbau!
Heerscharen sel'ger Seraphs Stuf' auf Stufen,
Verklärten Leib's palmschwingend, -- jedes Ohr
Erfüllt ein Preisen, Klingen, Winken, Rufen, --
Es rauscht, es harst, es drängt, es glänzt empor
Und jubelt auf in einem Gottfrohlocken!
Durch alle Himmel, sternenweltenweit,
Schwingen die Glocken -- die Glocken -- die Glocken
Der Ewigkeit!

Peter Zoege von Manteuffel

 

 

 

Die Bremer Rentnerband

Eine Erfolgsstory in vier Strophen
und einem Nachsatz

Ein Esel, kraftlos und betagt,
von seinem Bauern fortgejagt,
dachte traurig hin und her,
was nun wohl zu machen wär'.
Da beschloß er justament:
"Ich gründe eine Rentnerband!
Das laß' ich mir nicht nehmen.
Ich trete auf in Bremen!"

Ein Hund, 'ne Katze und ein Hahn
schlossen sich dem Esel an.
Auch sie befanden sich in Not
und suchten Bess'res als den Tod.
Und von dem Esel inspiriert
haben sie dann musiziert.
"Das lassen wir uns nicht nehmen.
Wir treten auf in Bremen!"

Bevor sie in Bremen gesungen,
ist ihnen ein Coup gelungen:
Im Walde stand ein Räuberhaus,
da jagten sie die Räuber raus
und nahmen das Haus für sich ein.
Dann schmausten und schliefen sie fein.
"Das lassen wir uns nicht nehmen,
das Räuberhaus bei Bremen!"

Sie lebten in dem schönen Haus
glücklich zusammen, tagein, tagaus.
Sie traten auf mit irrem Sound,
und wer sie hörte, war erstaunt:
"Das gibt's ja nicht!" meinten viele
und lauschten verzückt ihrem Spiele.
Drum ließ man es sich nicht nehmen
und schuf ein Denkmal in Bremen.

Nachsatz

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Lösung

 

Wenn was nicht klappt,
dann wird vor allem mal nicht berappt.
Wir setzen frisch und munter
die Löhne, die Löhne herunter -
immer runter!
Wir haben bis über die Ohren
bei unsern Geschäften verloren...
Unser Geld ist in allen Welten:
Kapital und Zinsen und Zubehör.
So lassen wir denn unser großes Malheur
nur einen, nur einen entgelten:
Den, der sich nicht mehr wehren kann.
Den Angestellten, den Arbeitsmann;
den Hund, den Moskau verhetzte,
dem nehmen wir nun das Letzte.
Arbeiterblut muß man keltern.
Wir sparen an den Gehältern -
immer runter!
Unsre Inserate sind nur noch ein Hohn.
Was braucht denn auch die deutsche Nation
sich Hemden und Stiefel zu kaufen?
Soll sie doch barfuß laufen!
Wir haben im Schädel nur ein Wort:
Export! Export!
Was braucht ihr eigenen Hausstand?
Unsre Kunden wohnen im Ausland!
Für euch gibts keine Waren.
Für euch heißts: sparen! sparen!
Nicht wahr, ein richtiger Kapitalist
hat verdient, als es gut gegangen ist.
Er hat einen guten Magen.
Wir mußten das Risiko tragen...
Wir geben das Risiko traurig und schlapp
inzwischen in der Garderobe ab.
Was macht man mit Arbeitermassen?
Entlassen! Entlassen! Entlassen!
Wir haben die Lösung gefunden:
Krieg den eigenen Kunden!
Dieweil der deutsche Kapitalist
Gemüt hat und Exportkaufmann ist.
Wußten Sie das nicht schon früher -?
Gott segne die Wirtschaftsführer!

Kurt Tucholsky

 

 

 

 


Der Kirschenstrauß

Blond und fein, ein Lockenköpfchen,
Das kaum vier der Jahre hat,
Trippelt ängstlich durch das Gäßchen,
Jeder Schritt noch eine Tat.

Eier trägt es in den Händen,
Die es so verlegen hält,
Wie auf alten Kaiserbildern
Karl der Große seine Welt.

Arme Kleine! Wenn sie fielen,
Gäb' es keinen Kuchen mehr,
Und der Weg ist so gefährlich
Und das Herzchen pocht so sehr!

Hätte sie geahnt, wie teuer
Oft sich büßt der Tatendrang,
Nimmer hätt' sie ihn der Mutter
Abgeschmeichelt, diesen Gang.

Dennoch käm' sie wohl zu Hause,
Forderte der Kirschenstrauß,
Den die Krämerin ihr schenkte,
Nur den Durst nicht so heraus.

Doch sie möchte eine kosten
Von den Beeren rund und rot,
Denn es sind für sie die ersten,
Und das bringt ihr große Not.

Ihre Hand zum Mund zu führen,
Wagt sie nimmer, denn das Ei
Könnte ihr derweil entschlüpfen,
Hält sie doch den Strauß dabei.

Drum versucht sie's, sich zu bücken,
Doch die Kluft ist gar zu weit,
Und sie spitzt umsonst die Lippen
Nach der würz'gen Süßigkeit.

Aber sie gerät ins Straucheln,
Und das Unglück wär' geschehn,
Bliebe sie nicht auf der Stelle
Wie erstarrt vor Schrecken, stehn.

Denn die Eier wollten gleiten,
Und sie hält sie nur noch fest,
Weil sie beide unwillkürlich
Gegen Leib und Brust gepreßt.

Lange wird es zwar nicht dauern:
Bellt der erste kleine Hund,
Fährt sie noch einmal zusammen,
Und sie rollen auf den Grund.

Doch da springt, den Küchenlöffel
In der mehlbestäubten Hand,
Ihr die Mutter rasch entgegen,
Und das Unglück ist gebannt.

Christian Friedrich Hebbel

 

 

 

Epistel

Lieber Freund ich komme soeben
Von Deiner Behausung – was soll das geben?
Du bist verduftet, verschwunden, verschollen,
Ich stand vor der Thür u. durft Dir nicht grollen –
Hohl klang die Glocke vom Corridor.

Ich kam zu Dir in der höchsten Not
Woll betteln bei Dir um ein Abendbrod;
Ich dachte des Worts, das Du unlängst gesprochen
Und hoffte, ich werde vergebens nicht pochen –
Hohl klang die Glocke vom Corridor.

Wohin Du gegangen, wie lange Du bleibst
In welcher Kneipe Du Abends kneipst –
Ich kunnts nicht erfragen, kunnts nirgends entdecken,
Ich stand vor der Thür, aufhorchend mit Schrecken –
Hohl klang die Glocke vom Corridor.

"Zu Hause" so las ich vom blechernen Kastenh,
Drin sonst Deine Briefe, die wartenden, rasten –
Zu Hause! Zu Hause, da wartete mein,
Was ich brächte, mein Weib mit der Ungeduld Pein –
Hohl klang die Glocke vom Corridor.

Ich läutete wohl an die fünfzig Mal,
Doch es regte sich nichts ... In der Brust nur die Qual
Und im Magen der Wurm – selbst Leo, der Hund,
That mir nicht seinen wärmendenb Ingrimm kund –
Hohl klang nur die Glocke vom Corridor. –

–––––– –––––

Nun schlafen sie All', ich wache allein
Und denke, Du wirst wohl im Farchland sein,
Doch derweil ich Dir schreibe in fliegender Hast,
Geht von Stube zu Stub' ein hohlwangiger Gast –
Bang tönt's wie ein Echo vom Corridor.

Ludwig Scharf

 

 

 

Einer Toten

Ach, daß du lebtest!
Tausend schwarze Krähen,
Die mich umflatterten auf allen Wegen,
Entflohen, wenn sich deine Tauben zeigten,
Die weißen Tauben deiner Fröhlichkeit.
Daß du noch lebtest!
Schwer und kalt bedrängt
Die Erde deinen Sarg und hält dich fest.
Ich geh nicht hin, ich finde dich nicht mehr.
Und Wiedersehn?
Was soll das Wiedersehn,
Wenn wir zusammen Hosianna singen
Und ich dein Lachen nicht mehr hören kann?
Dein Lachen, deine Sprache, deinen Trost:
Der Tag ist heut so schön. Wo ist Chasseur?
Hol aus dem Schranke deinen Lefaucheux,
Und geh ins Feld, die Hühner halten noch.
Doch bieg nicht in das Buchenwäldchen ab,
Und leg dich nicht ins Moos und träume nicht.
Paß auf die Hühner und sei nicht zerstreut,
Blamier dich nicht vor deinem Hund, ich bitte.
Und alle Orgeldreher heut' verwünsch ich,
Die mit verlornem Ton aus fernen Dörfern
Dir Träume senden – dann gibt's keine Hühner.
Und doch, die braune Heide liegt so still,
Dich rührt ihr Zauber, laß dich nur bestricken.
Wir essen heute Abend Erbsensuppe,
Und der Margaux hat schon die Zimmerwärme;
Bring also Hunger mit und gute Laune.
Dann liest du mir aus deinen Lieblingsdichtern,
Und willst du mehr, wir gehen an den Flügel
Und singen Schumann, Robert Franz und Brahms.
Die Geldgeschichten lassen wir heut ruhn.
Du lieber Himmel, deine Gläubiger
Sind keine Teufel, die dich braten können,
Und alles wird sich machen.
Hier noch eins:
Ich tat dir guten Kognak in die Flasche.
Grüß Heide mir und Wald und all die Felder,
Die abseits liegen und vergiss die Schulden,
Ich seh' indessen in der Küche nach,
Daß uns die Erbsensuppe nicht verbrennt.
Daß du noch lebtest!
Tausend schwarze Krähen,
Die mich umflatterten auf allen Wegen,
Entflohen, wenn sich deine Tauben zeigten,
Die weißen Tauben deiner Fröhlichkeit.
Ach, daß du lebtest!

Detlev von Liliencron

 

 

 

Noch ein paar Verhaltensregeln :

Dinge, die du nicht hören willst, wenn du operiert wirst

Hebt das besser auf, vielleicht brauchen wir es wieder
Ruf' 'mal einer die Putzfrau, wir brauchen einen Mop
Nimm' dieses Opfer an, oh Herr der Finsternis
Aus, aus! Bring' das zurück, böser Hund!
Warte einen Moment... Wenn das der Blindarm ist, was war denn das?
Gib' mir mal das... das... uh, das Ding da...
Hoppla, ich habe gerade meine Rolex verloren
Hat schon mal einer 500 ml von dem Zeug überlebt?
Mist, das Licht ist schon wieder ausgefallen
Weißt ja, für Nieren kriegt man mächtig Kohle; wow, da sind ja sogar zwei drin...
Alle bleiben ruhig stehen. Ich hab' meine Kontaktlinsen verloren
Stop' doch 'mal einer dieses Ding da drinnen. Das dauernde Bumm-Bumm stört mich in meiner Konzentration...
Was sucht denn das da hier? Ich hasse das, wenn Ihr immer Euren Kram verliert...
Eh geil! Kannst du das andere Bein auch umdrehen?
Ich wünschte, ich hätte meine Brille nicht vergessen
Nun Leute, das wird ein Experiment für uns alle
Tupfer... Mist... Der Boden war doch sauber, oder?
Was heißt: "Der war nicht hier für eine Geschlechtsumwandlung?"
Hat jemand mein Skalpell gesehen?
Und nun entnehmen wir das Gehirn und implantieren es in einen Affen-Körper...
Und nun noch ein Bild aus der Richtung; Mann, das ist wirklich ein Monster.
Schwester, der Patient hatte doch einen Organspender-Ausweis?
Keine Angst, ich denke, es ist noch scharf genug.
Was meinst du mit: "Ich will die Scheidung?"
Feuer! Feuer! Alle raus hier!
Mist! Seite 47 des Handbuchs fehlt.

Unbekannt

 

 

 

Der Säntis

Frühling

Die Rebe blüht, ihr linder Hauch
Durchzieht das tauige Revier,
Und nah und ferne wiegt die Luft
Vielfarb'ger Blumen bunte Zier.

Wie's um mich gaukelt, wie es summt
Von Vogel, Bien' und Schmetterling,
Wie seine seidnen Wimpel regt
Der Zweig, so jüngst voll Reifen hing.

Noch sucht man gern den Sonnenschein
Und nimmt die trocknen Plätzchen ein;
Denn nachts schleicht an die Grenze doch
Der landesflücht'ge Winter noch.

O du mein ernst gewalt'ger Greis,
Mein Säntis mit der Locke weiß!
In Felsenblöcke eingemauert,
Von Schneegestöber überschauert,
In Eisespanzer eingeschnürt:
Hu, wie dich schaudert, wie dich friert!

Sommer

Du gute Linde, schüttle dich!
Ein wenig Luft, ein schwacher West!
Wo nicht, dann schließe dein Gezweig
So recht, daß Blatt an Blatt sich preßt.

Kein Vogel zirpt, es bellt kein Hund;
Allein die bunte Fliegenbrut
Summt auf und nieder übern Rain
Und läßt sich rösten in der Glut.

Sogar der Bäume dunkles Laub
Erscheint verdickt und atmet Staub.
Ich liege hier wie ausgedorrt
Und scheuche kaum die Mücken fort.

O Säntis, Säntis! läg' ich doch
Dort - grad' an deinem Felsenjoch,
Wo sich die kalten, weißen Decken
So frisch und saftig drüben strecken,
Viel tausend blanker Tropfen Spiel:
Glücksel'ger Säntis, dir ist kühl!

Herbst

Wenn ich an einem schönen Tag
Der Mittagsstunde habe acht,
Und lehne unter meinem Baum
So mitten in der Trauben Pracht:

Wenn die Zeitlose übers Tal
Den amethystnen Teppich webt,
Auf dem der letzte Schmetterling
So schillernd wie der frühste bebt:

Dann denk' ich wenig drüber nach,
Wie's nun verkümmert Tag für Tag,
Und kann mit halbverschloßnem Blick
Vom Lenze träumen und von Glück.

Du mit dem frischgefallnen Schnee,
Du tust mir in den Augen weh!
Willst uns den Winter schon bereiten:
Von Schlucht zu Schlucht sieht man ihn gleiten,
Und bald, bald wälzt er sich herab
Von dir, o Säntis! ödes Grab!

Winter

Aus Schneegestäub' und Nebelqualm
Bricht endlich doch ein klarer Tag;
Da fliegen alle Fenster auf,
Ein jeder späht, was er vermag.

Ob jene Blöcke Häuser sind?
Ein Weiher jener ebne Raum?
Fürwahr, in dieser Uniform
Den Glockenturm erkennt man kaum;

Und alles Leben liegt zerdrückt,
Wie unterm Leichentuch erstickt.
Doch schau! an Horizontes Rand
Begegnet mir lebend'ges Land.

Du starrer Wächter, laß ihn los
Den Föhn aus deiner Kerker Schoß!
Wo schwärzlich jene Riffe spalten,
Da muß er Quarantäne halten,
Der Fremdling aus der Lombardei:
O Säntis, gib den Tauwind frei!

Annette von Droste-Hülshoff

 

 

 

Die jodelnden Schildwachen

Am Ütliberg im Züribiet,
Da steht ein Pulverturm im Riet.
Herr Pestalozzi, der Major,
Pflanzte drei Mann als Wacht davor.

"Hier bleibt ihr stehn, ihr Sackerlott,
Und daß sich keiner muckst und rodt
Sonst - Strahl und Hagel - gibts etwas!
Verstanden? – Also, merkt euch das."

Drauf bog er um den Albisrank,
Wo er ein Tröpflein Roten trank.
Ein Schöpplein schöpft er oder zwei,
Da weckt ihn eine Melodei.

Dreistimmig wie ein Engelchor
Scholls hinterm Pulverturm hervor.
Da half kein Zweifeln das ist klar,
Die Schildwach jodelte fürwahr.

Wer galoppiert jetzt ventre á terre
Wie Blitz und Strahl vom Albis her?
"Vor allem haltet dieses fest,
Drei Tage jeder in Arrest.

Jawohl, das käm mir just noch recht,
Um eines aber bitt ich, sprecht,
Wie diese Frechheit euch gelingt,
Daß einer auf dem Posten singt?"

Da sprach der erste: "Kommandant,
Dort unten liegt mein Heimatland.
Ich schütz es mit der Flinte mein.
Wie sollt ich da nicht lustig sein?"

Der zweite sprach: "Herr Pestaluzz,
Seht ihr das Rathaus dort am Stutz?
Dort wähl ich meine sieben Herrn.
Drum dien ich froh, drum leist ich gern."

Der dritte sprach: "Ich halt als Norm,
's ist eine Freud die Uniform.
's ist eine mutige Mannespflicht.
Da muß man jauchzen oder nicht?"

Der Junker schrie: "Zum Teufel hin,
Die erste Pflicht heißt Disziplin!
Ihr Lauser, wart, euch krieg ich schon
Glaubt mirs!" Und wetterte davon.

Am selbigen Abend spät indes
Meint Oberst Bodmer in der Mess:
"Was Kuckucks hat nur der Major,
Er kommt mir heut ganz närrisch vor?

Singt, pfeift und möggt in seinen Bart
Das ist doch sonst nicht seine Art."
Der Pestalozzi hörte das,
Sprang auf den Stuhl und hob sein Glas:

"Mein lieber Vetter Ferdinand,
Stadtrat und Oberst zubenannt;
Wenn einer kommt und hat die Ehr
Und dient in solchem Militär

Von wetterfestem Bürgerholz,
Gesteift von Trotz gestählt von Stolz,
Lausketzer, die man büßen muß,
Weil ihnen schildern ein Genuß,

Mannschaften, wo der letzte Hund
Hat ein Ideal im Hintergrund -
Komm her beim Styx, stoß an beim Eid,
Wer da nicht mitmöggt, tut mir leid."

Carl Spitteler

 

 

 

Die Jodelnden Schildwachen

Am Ütliberg im Züribiet,
Da steht ein Pulverturm im Riet;
Herr Pestalozzi, der Major,
Pflanzte drei Mann als Wacht davor.

"Hier bleibt ihr stehn, ihr Sackerlott!
Und daß sich keiner muckst und rodt!
Sonst - Strahl und Hagel - gibts etwas!
Verstanden? - Also: merkt euch das."

Drauf bog er um den Albisrank,
Wo er ein Tröpflein Roten trank.
Ein Schöpplein schöpft er oder zwei,
Da weckt ihn eine Melodei.

Dreistimmig wie ein Engelchor
Scholls hinterm Pulverturm hervor.
Da half kein Zweifeln: das ist klar!
Die Schildwach jodelte fürwahr.

Wer galoppiert jetzt ventre á terre
Wie Blitz und Strahl vom Albis her?
"Vor allem haltet dieses fest:
Drei Tage jeder in Arrest!

Ja wohl, das käm mir just noch recht!
Um eines aber bitt ich, sprecht,
Wie diese Frechheit euch gelingt,
Daß einer auf dem Posten singt?"

Da sprach der erste: "Kommandant!
Dort unten liegt mein Heimatland.
Ich schütz es mit der Flinte mein.
Wie sollt ich da nicht lustig sein?"

Der zweite sprach: "Herr Pestaluzz!
Seht ihr das Rathaus dort am Stutz?
Dort wähl ich meine sieben Herrn.
Drum dien ich froh; drum leist ich gern."

Der dritte sprach: "Ich halt als Norm:
's ist eine Freud, die Uniform.
's ist eine mutige Mannespflicht.
Da muß man jauchzen. Oder nicht?"

Der Junker schrie: "Zum Teufel hin!
Die erste Pflicht heißt Disziplin!
Ihr Lauser! wart! euch krieg ich schon!
Glaubt mirs!" Und wetterte davon

Am selbigen Abend spät indes
Meint Oberst Bodmer in der Meß:
"Was Kuckucks hat nur der Major?
Er kommt mir heut ganz närrisch vor!

Singt, pfeift und möggt in seinen Bart.
Das ist doch sonst nicht seine Art."
Der Pestalozzi hörte das,
Sprang auf den Stuhl und hob sein Glas:

"Mein lieber Vetter Ferdinand,
Stadtrat und Oberst zubenannt!!
Wenn einer kommt und hat die Ehr
Und dient in solchem Militär

Von wetterfestem Bürgerholz,
Gesteift von Trotz, gestählt von Stolz,
Lausketzer, die man büßen muß,
Weil ihnen schildern ein Genuß,

Mannschaften, wo der letzte Hund
Hat ein Ideal im Hintergrund -
Komm her beim Styx! stoß an beim Eid!
Wer da nicht mitmöggt, tut mir leid."

Carl Spitteler

 

 

 

Mein Kätzlein
Klagelied

Man fand dich fern vom warmen Hause,
Bedrängt von Schnee und eis'gem Wind,
Trug dich zu meiner stillen Klause,
Verirrtes armes Katzenkind.

Du schrie'st und klagtest in dem neuen
Unheimlich bücherreichen Ort,
Doch bald verschwand dein wildes Scheuen,
Du fühltest dich in sich'rem Hort.

Trafst du doch einen biedern Kater
Im Haus des unbekannten Manns,
Und dich empfing fast wie ein Vater
Der munt're Rattenfänger Hans.

Du warst noch etwas unerzogen,
Vergingest dich in manchem Stück,
Doch führte, mütterlich gewogen,
Die Rike dich zur Pflicht zurück.

Das Spiel begann, ein lustig Jagen,
Ein Wettkampf in verweg'nem Sprung,
Ein Raufen, Purzeln, Überschlagen,
Mit welcher Grazie, welchem Schwung!

Und kam der Herr, dich sanft zu streicheln,
Wie sprangst du gern auf seinen Arm
Und riebst mit Schnurren und mit Schmeicheln
An ihm dein Pelzchen, zart und warm.

Du dientest mir zu allen Stunden
Mit Arlecchino-Schelmerei'n,
Wie tief hast du die Pflicht empfunden,
Mein dankbarer Hanswurst zu sein!

Nie war uns bang, die Witze gehen
Zum komischen Ballet dir aus,
Durch stete Fülle der Ideen
Belebtest du das ganze Haus.

Und wenn du endlich schlummern solltest,
Zogst du den Hund als Lager vor,
Du schmiegtest dich an ihn und nolltest
Im halben Schlaf an seinem Ohr.

Dein Anzug, elegant im Schnitte,
War blaugrau, mit Geschmack verziert,
Brust, Pfötchen, Antlitz bis zur Mitte
Mit Weiß symmetrisch decorirt.

Doch was ist Schmuck? Die eig'nen Formen
Kann aller Aufputz nur erhöhen;
Gebildet wie nach griechischen Normen –
Ich darf es sagen, du warst schön.

Die Nase fein, die Augen helle,
Zart rosenfarb der kleine Mund,
Jedwede Linie eine Welle
Und jede Regung weich und rund.

Da kam, von Teufeln angestiftet,
Ein Mäuschen her in einer Nacht –
Du fraßest es, es war vergiftet,
Und ach! dein Schicksal war vollbracht.

Nicht ganz; noch Höllenqualentage,
Brandschmerz und grimmen Durstes Pein
Durchlebtest du, und ohne Klage,
Dann schliefst du endlich lautlos ein.

Es suchen dich die alten Freunde
In jedem Winkel aus und ein,
Du warst der liebenden Gemeinde,
Was einst der Max dem Wallenstein.

Mag nur die Spötterwelt es wissen:
Du thust mir tief im Herzen leid,
So jäh, so graß herausgerissen
Aus deiner Jugend Heiterkeit.

Vor Hungertod konnt' ich dich wahren,
Nicht vor der rohen Menschheit Gift,
Es schützen keines Hauses Laren
Vor Mord, der in die Ferne trifft.

Ich trüge wahrlich noch viel eher
Manch' eines Thiervergifters Tod.
Verzeih' mir's Gott, sie geht mir näher,
Des armen Kätzleins Todesnoth.

Und leb' ich nach dem Lärm hienieden
Noch fort auf einem stillen Stern,
Sei auch in Gnaden herbeschieden
Das Kätzlein zu dem alten Herrn.

Friedrich Theodor von Vischer

 

 

 

 

Und grämt dich, Edler, noch ein Wort
Der kleinen Neidgesellen?
Der hohe Mond, er leuchtet dort,
Und läßt die Hunde bellen,
Und schweigt und wandelt ruhig fort,
Was Nacht ist, aufzuhellen.

Johann Gottfried von Herder

 

 

 

 

Der Mond

Und grämt Dich, Edler, noch ein Wort
Der kleinen Neidgesellen?
Der hohe Mond, er leuchtet dort
Und läßt die Hunde bellen
Und schweigt und wandelt ruhig fort,
Was Nacht ist, aufzuhellen.

Johann Gottfried von Herder

 

 

 

Die Welt im kleinen

Verschluckt von des Prachthaus steinernem Schlunde,
Von eisernen Gitterzähnen sorglich bewacht
Vor der hereingebrochenen Mitternacht,
Ruhn Schätze, wie in verzaubertem Grunde,
Ererbt und errafft und geschäftlich bereichert,
Hochaufgespeichert –
Draußen kauern die Bettler und Hunde.

Emil Claar

 

 

 

 

 

Die Füße im Feuer

Wild zuckt der Blitz. In fahlem Lichte steht ein Turm
Der Donner rollt. Ein Reiter kämpft mit seinem Roß
Springt ab und pocht ans Tor und lärmt. Sein Mantel saust
Im Wind. Er hält den scheuen Fuchs am Zügel fest.
Ein schmales Gitterfenster schimmert goldenhell
Und knarrend öffnet jetzt das Tor ein Edelmann ...

"Ich bin ein Knecht des Königs, als Kurier geschickt
Nach Nîmes. Herbergt mich! Ihr kennt des Königs Rock!"
"Es stürmt. Mein Gast bist du. Dein Kleid, was kümmerts mich?
Tritt ein und wärme dich! Ich sorge für dein Tier!"
Der Reiter tritt in einen dunkeln Ahnensaal,
Von eines weiten Herdes Feuer schwach erhellt,
Und je nach seines Flackerns launenhaftem Licht
Droht hier ein Hugenott im Harnisch, dort ein Weib,
Ein stolzes Edelweib aus braunem Ahnenbild ...
Der Reiter wirft sich in den Sessel vor dem Herd
Und starrt in den lebendgen Brand. Er brütet, gafft ...
Leis sträubt sich ihm das Haar. Er kennt den Herd, den Saal ...
Die Flamme zischt. Zwei Füße zucken in der Glut.
Den Abendtisch bestellt die greise Schaffnerin
Mit Linnen blendend weiß. Das Edelmägdlein hilft.
Ein Knabe trug den Krug mit Wein. Der Kinder Blick
Hangt schreckensstarr am Gast und hangt am Herd entsetzt ...
Die Flamme zischt. Zwei Füße zucken in der Glut.

"Verdammt! Dasselbe Wappen! Dieser selbe Saal!
Drei Jahre sinds ... Auf einer Hugenottenjagd ...
Ein fein, halsstarrig Weib ... 'Wo steckt der Junker? Sprich!'
Sie schweigt. 'Bekenn!' Sie schweigt. 'Gib ihn heraus!' Sie schweigt.
Ich werde wild. Der Stolz! Ich zerre das Geschöpf ...
Die nackten Füße pack ich ihr und strecke sie
Tief mitten in die Glut ... 'Gib ihn heraus!' ... Sie schweigt ...
Sie windet sich ... Sahst du das Wappen nicht am Tor?
Wer hieß dich hier zu Gaste gehen, dummer Narr?
Hat er nur einen Tropfen Bluts, erwürgt er dich." -
Eintritt der Edelmann. "Du träumst! Zu Tische, Gast ..."

Da sitzen sie. Die drei in ihrer schwarzen Tracht
Und er. Doch keins der Kinder spricht das Tischgebet.
Ihn starren sie mit aufgerißnen Augen an -
Den Becher füllt und übergießt er, stürzt den Trunk,
Springt auf: "Herr, gebet jetzt mir meine Lagerstatt!
Müd bin ich wie ein Hund!" Ein Diener leuchtet ihm,
Doch auf der Schwelle wirft er einen Blick zurück
Und sieht den Knaben flüstern in des Vaters Ohr ...
Dem Diener folgt er taumelnd in das Turmgemach.

Fest riegelt er die Tür. Er prüft Pistol und Schwert.
Gell pfeift der Sturm. Die Diele bebt. Die Decke stöhnt.
Die Treppe kracht ... Dröhnt hier ein Tritt? Schleicht dort ein Schritt? ...
Ihn täuscht das Ohr. Vorüberwandelt Mitternacht.
Auf seinen Lidern lastet Blei, und schlummernd sinkt
Er auf das Lager. Draußen plätschert Regenflut.

Er träumt. "Gesteh!" Sie schweigt. "Gib ihn heraus!" Sie schweigt.
Er zerrt das Weib. Zwei Füße zucken in der Glut.
Aufsprüht und zischt ein Feuermeer, das ihn verschlingt ...
"Erwach! Du solltest längst von hinnen sein! Es tagt!"
Durch die Tapetentür in das Gemach gelangt,
Vor seinem Lager steht des Schlosses Herr - ergraut,
Dem gestern dunkelbraun sich noch gekraust das Haar.

Sie reiten durch den Wald. Kein Lüftchen regt sich heut.
Zersplittert liegen Ästetrümmer quer im Pfad,
Die frühsten Vöglein zwitschern, halb im Traume noch.
Friedselge Wolken schwimmen durch die klare Luft,
Als kehrten Engel heim von einer nächtgen Wacht.
Die dunkeln Schollen atmen kräftgen Erdgeruch,
Die Ebne öffnet sich. Im Felde geht ein Pflug,
Der Reiter lauert aus den Augenwinkeln: "Herr,
Ihr seid ein kluger Mann und voll Besonnenheit
Und wißt, daß ich dem größten König eigen bin.
Lebt wohl! Auf Nimmerwiedersehn!" Der andre spricht:
"Du sagsts! Dem größten König eigen! Heute ward
Sein Dienst mir schwer ... Gemordet hast du teuflisch mir
Mein Weib! Und lebst ... Mein ist die Rache, redet Gott."

Conrad Ferdinand Meyer

 

 

 

Landschaft

Wie alte Knochen liegen in dem Topf
Des Mittags die verfluchten Straßen da.
Schon lange ist es her, daß ich dich sah.
Ein Junge zupft ein Mädchen an dem Zopf.

Und ein paar Hunde sielen sich im Dreck.
Ich ginge gerne Arm in Arm mit dir.
Der Himmel ist ein graues Packpapier,
Auf dem die Sonne klebt - ein Butterfleck.

Alfred Lichtenstein

 

 

 

 

 

Man fühlt sich gänzlich auf dem Hunde
Und kommt so weit, wenn's immer gießt,
Daß man in einer solchen Stunde
Die Zeitung liest.
Auf Seite zwei die Redeflüsse
In Bayerns Sommerparlament –
Das ist der schönste der Genüsse!
Kreuzsakrament!
Man hört den Regen, liest die Seiche
Und hat so das Gefühl dabei,
Man trete in das Windelweiche –
In lauter Brei.

 

Ludwig Thoma

 

 

 

Ein Stuhl in der Hölle

Kind, wo bist du gewesen?
Kind, sage dies mir.
Nach meiner Mutter Schwester,
wie wehe ist mir.

Kind, was gaben sie dir zu essen?
Kind, sage dies mir.
Eine Brühe mit Pfeffer,
wie wehe ist mir.

Kind, was gaben sie dir zu trinken?
Kind, sage dus mir.
Ein Glas mit rotem Wein,
wie wehe ist mir.

Kind, was gaben sie den Katzen und Hunden?
Kind, sage dus mir.
Eine Brühe mit Pfeffer,
wie wehe ist mir.

Kind, was machten die Katzen und Hunde?
Kind, sage dus mir.
Sie starben in derselben Stunde,
wie wehe ist mir.

Kind, was soll dein Vater haben?
Kind, sage dus mir.
Einen Stuhl im Himmel,
wie wehe ist mir.

Kind, was soll deine Mutter haben?
Kind, sage dus mir.
Einen Stuhl in der Hölle,
wie wehe ist mir.

Volksweise

 

 

 

Das Lied des Zwerges

Meine Seele ist vielleicht grad und gut;
aber mein Herz, mein verbogenes Blut,
alles das, was mir wehe tut,
kann sie nicht aufrecht tragen.
Sie hat keinen Garten, sie hat kein Bett,
sie hängt an meinem scharfen Skelett
mit entsetztem Flügelschlagen.
Aus meinen Händen wird auch nichts mehr.
Wie verkümmert sie sind: sieh her:
zähe hüpfen sie, feucht und schwer,
wie kleine Kröten nach Regen.
Und das Andre an mir ist
abgetragen und alt und trist;
warum zögert Gott, auf den Mist
alles das hinzulegen.

Ob er mir zürnt für mein Gesicht
mit dem mürrischen Munde?
Es war ja so oft bereit, ganz licht
und klar zu werden im Grunde;
aber nichts kam ihm je so dicht
wie die großen Hunde.
Und die Hunde haben das nicht.

Rainer Maria Rilke

 

 

 

 

Zu Aachen, im alten Dome,
liegt Karolus begraben.
(Man muß ihn nicht verwechseln
mit Karl Mayer, der lebt in Schwaben.)
Ich möchte nicht tot und begraben
sein als Kaiser zu Aachen im Dome;
weit lieber lebt ich als kleiner Poet
zu Stukkert am Neckarstrome.
Zu Aachen langweilen sich auf der
Straß die Hunde, sie flehn untertänig:
Gib uns einen Fußtritt, o Fremdling, das
wird vielleicht uns zerstreuen ein wenig.

Heinrich Heine

 

 

 


Gebet eines Kindes

Ich mag den Regen und die kühlen Wälder.
Ich mag Wolken, die am blauen Himmel dahinziehen,
und Vögel, und Katzen, und junge Hunde.
Ich mag das Meer, wenn es wie mit Diamanten besetzt ist,
und den Flieder im Frühling, und die Lämmer auf der Weide.
Ich mag den Duft modrigen Laubs,
und den Geschmack saftiger, roter Äpfel.
Ich mag hübsche Kleider und Hochzeiten,
und kleine Kinder.
Aber ich verstehe nicht, warum manche Leute mich nicht mögen.

Unbekannt

 

 

 

 

 

Es pfeift der Wind. Was pfeift er wohl?
Eine tolle närrische Weise.
Er pfeift auf einem Schlüssel hohl,
bald gellend und bald leise.

Die Nacht weint ihm den Takt dazu
mit schweren Regentropfen,
die an der Fenster schwarze Ruh
am End eintönig klopfen.

Es pfeift der Wind. Es stöhnt und gellt.
Die Hunde heulen im Hofe. –
Er pfeift auf diese ganze Welt,
der große Philosophe.

Christian Morgenstern

 

 

Dämmergang

Du lebst meerüber
In blauer Ferne
Und du besuchst mich
Beim ersten Sterne.

Ich mach im Felde
Die Dämmerrunde,
Umbellt, umsprungen
Von meinem Hunde.

Es rauscht im Dickicht,
Es webt im Düster,
Auf meine Wange
Haucht warm Geflüster.

Das Weggeleite
Wird trauter, trauter,
Du schmiegst dich näher,
Du plauderst lauter.

Da gibts zu schelten,
Da gibts zu fragen
Und hell zu lachen
Und leis zu klagen.

Was wedelt Barry
So glückverloren?
Du kraulst dem Liebling
Die weichen Ohren ...

Conrad Ferdinand Meyer

 

 

Denen Deine Liebe – Allen Hülfe

Hilf Andern, bitt' ich dich auf meinen Knieen,
Hilf allen Anderen zu deinem Heil!
Was hülf' es dir allein, ein Gott zu sein,
Die Sonne, die auf Elend niederlacht!
Was hülf' es, weise dir allein zu sein.
Wenn Andre noch im Irrthum rings ersticken.
Sich alle Tage, alle Stunden schaden.
Den Andern gräßlich schaden, wider Willen
Dir schaden, dich in Sklavenkreise bannen.
In denen du mit ihnen liegen mußt.0,,,,,,,
Weil sie darinnen liegen. Glaub', o glaube:
Nicht Einer ist je frei — als nur zum Tode;
Die Freiheit ist der Tag, der Tag für Alle,
Nur alle, alle sind mit Ehren frei,
Nur alle, alle sind mit Ehren weise —
Die Weisheit ist dem Einen tiefster Kummer:
Sie sieht die Schrecken, sieht das Unglück erst
Mit reinen Augen aus dem klaren Geiste!
Weh einem Menschenherzen in der Welt,
Das wähnte, glücklich ganz allein zu sein.
Allein mit Weib und Kind in seinem Hause!
Kein Mensch allein ist glücklich, als ein Schelm,
Ein leichter Thor, ein frevelhafter Spötter;
Und ist der glücklich, ohne Herz und Sinn?
Das größte Unglück ist: das Unglück sehn,
Und selbst nicht helfen . . . selbst nicht helfen können.
Die größte Thorheit ist: verschloss'ne Weisheit
Im Haupt; die schärfste Feuerqual ist Liebe
Im Herzen wie in Mauern eingekerkert.
Ein jeder Dulder ist dem Glücklichen
Ein Schimpf; ein Vorwurf ist ein jeder Thor
Dem Weisen, und ein jeder Arme ist
Dem Reichen ein Gespenst auf seinem Golde.
Dem freien Menschen ist ein jeder Sklave
Ein Stich ins Herz, und eine Thräne Blut
Aus seinen Augen! — Darum irre nicht:
Selbst auf dem Throne giebt es keinen Freien,
Wo noch ein Sklav' im ganzen Lande ist,
Der ihm erscheint und seine Ketten schüttelt!
Nicht einen Reichen giebt es, der da froh
Sich reich fühlt, da wo Menschen noch verhungern!
Ein Weiser ist wie nicht da, wo die Thoren
Noch herrschen, hochgeehrt und mächtig sind!
Denn ihnen allen sind die hohen Güter,
Die Freiheit und die Weisheit und der Reichthum,
Nur Qual und Trauer, Schande, Noth und Pein,
Und werden ihnen täglich größres Unglück.
Hilf Andern! bitt' ich dich auf meinen Knieen.
Schon helfen wollen, ernstlich helfen wollen.
Läßt dir die Noth vor deinem Auge mildern,
Und zaubert dir den Menschen hin, dem du
Zu helfen brennst! Und thust du, thust du alles,
Was dir zur Hand ist, was in deiner Macht steht,
So ist dir wohl, so fühlst du dich gelabt.
Sieh' nur das kleine Knäbchen an! Es hat
Mit seinen kleinen Armen, seinen Händchen
An meiner Seite Feuer löschen helfen.
Und auf die letzten fernen Kohlen nur
Sein Kännchen ausgegossen. Sieh', es schwitzt
Von seiner Arbeit und von Feuerglut —
Und wie ein tapfrer Held schon steht es da
Und seine Augen funkeln ihm vom Geiste,
Der es zu retten trieb, und sättigt es mit Freude.
Doch wird ein ganzes Volk von Helfenden
Im ganzen Lande, welch' ein Geist erscheint da!
Welch' süße Arbeit und welch' satte Freude!
Da wird ein jedes Elend ausgegossen,
Da werden Thürme brennend eingerissen.
Da wird ein jedes arme Kind errettet;
Da wird den Menschen Bahn gemacht zu leben;
Die Hülfe giebt das Leben nie, nur Mittel
Dazu, denn leben muß ein Jeder selbst.
Ameisen lieben sich doch nicht, fürwahr nicht.
Und dennoch wohnen, leben sie einander
Beisammen, und wo ein' auf ihrer Straße
Im Wald' der anderen begegnet – gleich
Unnachgefragt hilft sie ihr ihre Raupe
Mit aller Leibeskraft ins Sichre bringen;
Noch Andre kommen, und wie Zimmerleute
Froh tragen sie – für sie den großen Stamm –
Das kleine Aestchen, froh gemeinsam hin;
Jedwede eilt dann fort den eignen Gang
Und hilft auf anderm Wege wieder Andern,
Und Andre helfen ihr aus Leibeskräften,
Selbst mit Gefahr des Lebens, ohne Dank.
Und dennoch lieben sie sich nicht; sie sind
Ameisen alle nur, aus einem Hause.
So sind die Menschen all' aus einem Hause –
Der Erde, und sie helfen sich in Andern,
Zu wohnen und zu leben, Menschen würdig.
Zum Helfen brauchst du nicht die heil'ge Liebe,
Die wahre, die den Deinen nur gehört.
Und die du keinem Andern schenken könntest.
Auch wenn du wolltest; denn dein Herz verbietet
Dir das, die Einem froh geschworne Treue.
Unmöglich ist dem Einen, Alle lieben,
Die fernen und die unbekannten Menschen.
Die liebt der Mensch nur, die er sich erschaffen
Durch seine Liebe: Mann und Weib und Kinder.
Doch ist dadurch kein andrer Mensch beschädigt;
Das ganze Volk entbehret dadurch nichts.
Nicht Kummer macht das ihm, es kennt dich nicht.
Ein Jeder überall ja liebt die Seinen,
Die Andern ehrt er, schätzt sie hoch als Menschen.
Du hilfst dem Räuber, der ertrinken will,
Dem kranken Mörder – den du doch nicht liebst;
Ihn liebt nur seine Frau noch, seine Kinder.
Du hilfst dem Maulthier, das du doch nicht liebst;
Du liebst den Hund nicht, und du hilfst ihm doch.
So hilf dem Menschen auch, den du nicht kennst.
Nicht liebst, den du nur siehst als hülfbedürftig.
Besteh' die Hülfe auch worin sie wolle:
Auch in dem Stocke nur für einen Lahmen,
Und für den Blinden nur in einem Führer,
Das ist ihm alles! Alles hilfst du ihm.
So ist ein Wassertrunk dem Sterbenden
Die ganze Welt, die du ihm reichst im Kruge.
Zum Helfen braucht es nur Gerechtigkeit,
Nur klare Einsicht, wohlverstandne Klugheit
Für dich und deine Seele; daß du dir
Die bittre Scham ersparst: Du seist kein Mensch:
Ein Stein! mit steinern'm Herzen, steinern'n Händen!
Du hab'st nicht Augen, die den Armen sähen.
Nicht Ohren für verlass'ner Kinder Klagen,
Nicht für des Kranken schwaches leises Stöhnen –
Du wüßtest deine Habe edler, besser
An Speis ' und Wein, an Tanz und Spiel zu wenden.
Wenn du sie nicht bei deiner Lebenszeit
Auf Zinsen von dem Gotte legst . . . du würdest
Dir jeden Kreuzer mit in' Himmel nehmen.
Und Haus und Bäume, Hirten, Hürd' und Heerde –
Wie Kinder mit in' Sarg ihr Spielzeug nehmen.
Gebrochne Bäume heilt der Gärtner nicht,
Die eine leichte Stütze schon gerettet!
Du aber rettest oft den armen Kranken
Mit einem Groschen grad' zu rechter Zeit,
Der mehr ihm werth ist, als die ganze Sonne
Und alle Menschenherzen rings von Stein.
Dem morgen todten Armen hilft kein Brod-Berg,
Nicht Schüsseln voller Speis' an seinem Grabe;
Der Tod nun machte dich ihm überflüssig!
Drum nimm die Augenblicke wahr, zu helfen.
Die Zeit der Hülfe trifft das Uebel tödtlich.
Wo er mit Wenigem am meisten hilft.
Da wehrt der Mensch zugleich der größten Noth!
Da hat er glücklich recht die Zeit getroffen!
Drum giebt dem Guten seine Tüchtigkeit
Erst treue Menschenkenntniß heil'ger Kummer,
Sich zu wissen und den Augenblick,
Wo er mit kleiner Gabe Wunder thut!
Ja, mit der leeren Hand schon, die er einem
Schon Sinkenden vom Rand des Ufers reicht.
Und wie belohnt sich dir das Gute thun!
Hilfst du, und helft ihr Alle, Arm' und Schwache
Ernähren, und Gesunde durch die Arbeit
Erhalten – so befällt sie Krankheit nicht.
Befällt sie nicht der schwarze Tod – und du.
Du bleibst am Leben am gesunden Orte.
Hilfst du des Nachbars Schobendach bewahren.
So brennt daneben dein Pallast nicht an!
Was du den Kindern um dich her gelehrt,
Geht deinen Kindern einst zu gut von ihnen!
Du selber lebst erst froh und menschenwürdig,
Wenn du zufriedne Menschen um dich siehst,
Nicht Kranke, Arme, die in Lumpen betteln;
Das macht dich selbst zum ganz elenden Menschen:
Du siehst in ihnen dich in deinem Spiegel,
Des Gottes Ebenbild als Bild des Todes. –
Hilf Andern, also hilfst du dir zugleich!
Und tausendfach wird dir dafür geholfen!
Seist du nun reich, ja seist du selbst recht arm.
Wenn du geholfen hast, so weit du reichst,
Und dir dann heimlich eine Thräne noch,
Selbst arm, vom Auge rinnt . . . vielleicht gewährt
Ein Andrer sie, und hilft! Vielleicht, gewiß
Gewahrt sie Gott, und hilft. Denn stumme Klagen
Des Menschen, und erst eines ganzen Volkes,
Sie schrein zu Gott um Hülfe! Und er hilft!

Leopold Schefer

 

 

 

 

 

In den Stürmen der Versuchung
Hab' ich lang schon Ruh' gefunden,
Doch dem Tugenhaftsten selber
Kommen unbewachte Stunden!

Heißer als in heißer Jugend
Überschleicht der alte Traum mich,
Und beflügelt schwingt des Katers
Sehnen über Zeit und Raum sich.

O Neapel, Land der Wonne,
Unversiegter Nektarbecher!
Nach Sorrent möcht' ich mich schwingen,
Nach Sorrent, aufs Dach der Dächer.

Der Vesuvius grüßt, es grüßt vom
Dunkeln Meer das weiße Segel,
Im Olivenwald ertönt ein
Süß Konzert der Frühlingsvögel.

Zu der Loggia schleicht Carmela,
Sie, die schönste aller Katzen,
Und sie streichelt mir den Schnauzbart,
Und sie drückt mir leis die Tatzen,

Und sie schaut mich an süß schmachtend –
Aber horch, es tönt ein Knurren.
Ist's vom Golf der Wellen Rauschen?
Ist es des Vesuvius Murren?

's ist nicht des Vesuvius Murren,
Der hält jetzo Feierstunde,
– In dem Hof, Verderben sinnend,
Bellt der schlechtste aller Hunde.

Bellt der schlechtste aller Hunde,
Bellt Krakehlo, der Verräter,
Und mein Katertraum zerrinnet
Luftig in den blauen Äther.

Joseph Victor von Scheffel

 

 

 

Die beiden Hunde

Längs einem Strom in einem Felsenschlunde,
Ging einst ein Edelmann,
Und ihn umhüpften seine beiden Hunde:
Joli und Soliman.

Joli, das Windspiel, sprang mit tausend Possen
Hinan an seinen Herrn,
Und wird geküßt, indessen steht verstoßen
Der arme Pudel fern,

Den armen liebt man nicht, er kann nicht schmeicheln,
Zu finster ist sein Blick,
Und statt den treuen, wie Joli, zu streicheln,
Stößt man ihn stets zurück.

Nun aber wankt der Herr am steilen Strande
Mit ungewissem Fuß
Und stürzet plötzlich von dem glatten Rande
Des Abgrunds in den Fluß.

Indes Joli mit Furcht und bangem Bellen
Am hohen Ufer steht,
Sich in dem Silberspiegel glatter Wellen
Begaffet und dann geht,

Stürzt sich der brave, stets verschmähte Pudel
Hinab vom hohen Strand,
Entreißet mühsam seinen Herrn dem Strudel
Und trägt ihn froh ans Land.

O möge diese kleine Fabel lehren,
Wie oft der Schein belügt,
Nur die Gefahr kann einen Freund bewähren,
Die Außenseite trügt.

Ihr Weltenherrscher hasset nicht den Braven,
Weil er nicht niedrig kriecht,
Der erste eurer tiefgebückten Sklaven
Ist oft ein Bösewicht.

Franz Grillparzer

 

 

 

 

Thorheit der Welt

Wir gehn mit Lust und vollen Freuden
Nach Rom, Madrid und nach Paris,
Nach London, Amsterdam und Leyden;
Wir gehn als Jason nach dem Vlies;
Wir gehn nach Wien als Abgesandte,
Wir gehn in's Feld als Oberste,
Auf's Rathhaus als des Raths Verwandte,
Als Flaggenführer in die See;
Wir gehn, verschwendend unsre Stunden,
Mit Brüdern in ein Saufgelag,
Mit Schwestern in ihr Schlafgemach
Und in's Gehege mit den Hunden;
Wir gehn, um niemals still zu stehn,
Und kitzeln uns mit stetem Wandern;
Wir gehn von einem Ort zum andern,
Und woll'n doch in uns selbst nicht gehn.

Christian Wernike

 

 


Der Kußhandel.

Ein Hirtenmädchen, schön zum Malen,
War etwas kaufmännisch gesinnt;
Mit zwanzig Schafen mußt Amint
Den ersten Kuß ihr bar bezahlen.

Fünf Jahre älter war Narzisse,
Als er den Tausch schon besser traf:
Da blühten um ein einzig Schaf
Auf ihren Lippen zwanzig Küsse.

Bald lag ihr Handel ganz darnieder,
Und aus freiwilligem Entschluß
Gab sie für einen kalten Kuß
Aminten seine Schafe wieder.

Die eigne Herde samt dem Hunde
Bot sie für einen Kuß zuletzt;
Allein der Schäfer dankte jetzt
Und flog zu Daphnens Rosenmunde.

August Friedrich Ernst Langbein

 

 

 

 

 

 

Der Leiermann

Drüben hinterm Dorfe
Steht ein Leiermann
Und mit starren Fingern
Dreht er was er kann.

Barfuß auf dem Eise
Wankt er hin und her
Und sein kleiner Teller
Bleibt ihm immer leer.

Keiner mag ihn hören,
Keiner sieht ihn an,
Und die Hunde knurren
Um den alten Mann.

Und er läßt es gehen,
Alles wie es will,
Dreht, und seine Leier
Steht ihm nimmer still.

Wunderlicher Alter!
Soll ich mit dir geh'n?
Willst zu meinen Liedern
Deine Leier dreh'n?

Wilhelm Müller

 

 

 

 

 

 

Deutsche Sommernacht

Wenn die Pfirsichpopos
Sich im Sekt überschlagen.
Und der Teufel legt los,
Uns mit Mücken zu plagen.
Und wir füllen einmal reichlich bloß
Einem Armen Tasche und Magen.

Doch es blähn sich Männerbäuche.
Tabakblau hängt sich an Sträuche.
Wenn wir dann die Jacken ausziehn,
Und ein Bratenduft poussiert Jasmin -

In das dunkle Umunsschweigen
Senden zwei entfernte Geigen
Schwesterliche Melodie.
Uns durchglüht ein Urgedanke.
Und es wechseln runde, schlanke
Frauenbeine Knie um Knie.

Und auf einmal lacht die Runde,
Weil ein Herr aus einem Hunde
Hinten einen Faden nimmt.
Wenn dann wirklich alles, alles lacht,
Dann ist jene seltne deutsche Nacht,
Da mal alles stimmt.

Joachim Ringelnatz

 

 

Die Schlesischen Weber

Im düstern Auge keine Träne,
Sie sitzen am Webstuhl und fletschen die Zähne:
"Deutschland, wir weben dein Leichentuch,
Wir weben hinein den dreifachen Fluch
Wir weben, wir weben!

Ein Fluch dem Gotte, zu dem wir gebeten
In Winterskälte und Hungersnöten;
Wir haben vergebens gehofft und geharrt,
Er hat uns geäfft und gefoppt und genarrt
Wir weben, wir weben!

Ein Fluch dem König, dem König der Reichen,
Den unser Elend nicht konnte erweichen,
Der den letzten Groschen von uns erpreßt,
Und uns wie Hunde erschiessen läßt
Wir weben, wir weben!

Ein Fluch dem falschen Vaterlande,
Wo nur gedeihen Schmach und Schande,
Wo jede Blume früh geknickt,
Wo Fäulnis und Moder den Wurm erquickt
Wir weben, wir weben!

Das Schiffchen fliegt, der Webstuhl kracht,
Wir weben emsig Tag und Nacht
Altdeutschland, wir weben dein Leichentuch,
Wir weben hinein den dreifachen Fluch,
Wir weben, wir weben!"

Heinrich Heine

 

 

 

Im Maien

Ach! Im Maien
Im Frühlingsüberschwange
Fühlt ein jedes Hundeherz
Sich getrieben von dem Drange,
Ohne Ruh
A-hu! A-hu!
Von der Liebe süßem Schmerz.

Milder werden ihre Sitten;
Es ergreift Melancholie
Alle, die vergeblich bitten.
Darum du
A-hu! A-hu!
Hundedame, höre sie!

Fühlst du keine jener Schwächen,
Die das Herrenvolk verehrt?
O! das muß sich einmal rächen!
Nur so zu!
A-hu! A-hu!
Auch der Mops hat seinen Wert.

Eh du's meinst, vergeht die Jugend;
Und mit der du so gegeizt,
Gerne gäbst du deine Tugend,
Alte Kuh!
A-hu! A-hu!
Die dann keinen Pinscher reizt.

Mädchen! sieh an diesen Hunden,
Was auch unsere Wünsche sind!
Hast du wen im Mai gefunden,
O so tu!
A-h ! A-hu!
Alles, was er will, mein Kind!

Ludwig Thoma

 

 

 

Meinem Vater

Du leichter Schatten, Wolkenschmetterling,
Ich fühle dich an meinen Wimpern hängen.
Der schwarze Schmerz, das dunkle Ding,
Begeistert mich zu strahlenden Gesängen.

Erhebt euch, Brüder, tanzt mit meinem Wort,
Ich will die Verse schön wie Frauenfüße setzen.
Ach, ich bin hier und dort
Von Sternen nur ein Pfützenglanz, vom Himmel nur ein Fetzen.

Ich deck mit diesem Tuche meine Blöße,
Nackt wandelt nur mein Kamerad, der Tod.
Er achtet mein Gesetz. Ich diene seiner Größe
Und opfre knieend ihm im Morgenrot.

Ich habe nie vermeint, mich selber zu erkennen.
Ich drehte oft am Karrn das fünfte Rad.
Zu Asche muß sich brennen
Die Flamme Mensch, die Gott entzündet hat.

Entzündet hat sie Gott, das Weib soll sie behüten.
Sie aber stellt das Feuer in den Wind.
Der bläst zu Rauch die roten Blüten
Der Mannheit, die wie Hyazinthen sind.

Ein jeder ist von einer Frau geboren,
Die einst ein Mann in seine Arme nahm.
Die Perlenkette reißt. Die Perlen sind verloren.
Und keiner kehrt zurück, woher er kam.

Und wünschte mancher, seiner Mutter
Im Mutterleib verstorbner Sohn zu sein.
Nun treibt es ihn wie einen steuerlosen Kutter
Ins blaue Meer der Menschlichkeit hinein.

Laßt uns die Segel nach den Winden hissen!
Und achtet auf der Möven Flug!
Sie ahnen nicht: sie wissen…
Und ihnen dünkt ihr weißes Sein genug…

Wer schließt das Herz bei göttlichen Gebeten,
Wer schließt die Augen, wenn die Sonne steigt?
Ich hasse euch, ihr höllischen Asketen,
Den grauen Kutten finster zugeneigt.

Ich schließe meine Blicke nur im Kusse,
Wenn das Entzücken tief ins Innre dringt
Und rauschend, gleich dem heiligen Flusse,
Aus Felsgestein die selige Quelle springt.

Da blinkt erhellt die magische Laterne,
Die uns verzaubert zu den Schatten schickt.
Die Nähe scheint zu nah, es scheint zu fern die Ferne,
Und nur der weise Wunsch beglückt.

Wir sind nicht Schatten mehr. Wir wurden zu Gestalten.
Der Töpfer knetet uns aus Ton.
Er meißelt in die Stirn uns dürre Falten
Und stellt uns auf den Markt für Hundelohn.

Wie können wir uns dieses Zwanges wehren?
Sieh: dieser Henkel hier am Krug von Lehm,
In dem wir das erstarrte Handwerk ehren,
Schlang sich als Arm um einen Nacken ehedem.

Du, der Du bist von keinem Mann gezeugt
Und der wie Duft steigt aus dem Saft der Reben:
Beug Dich vor mir, wie sich mein Knie vor Deinem Wahnsinn beugt.
Vergieb uns, wie wir Dir vergeben!

Ich bin kein Freund der funkelnden Moscheen,
Einsam such ich in Schenken meine Ziele.
Wann würde ich Dein wahres Antlitz sehn,
Wenn nicht im Weibesangesicht die Maske fiele?

Ich bin, o Gott, dein treuester Vasall,
Ich bin, o Geist, dein wildester Rebelle.
Ich bin dein Ziegenhirt, dein Seneschall,
Ich bin dein Fels, dein Turm und deine Schelle.

Ich bin der Tugend Glanz, des Lasters Stank.
Ich bin dein Priester und dein Trunkenbold.
Ich bin dein Fluch, dein Traum und dein Gesang,
Ich will, o Gott, weil du mich einst gewollt.

Du hast das Mahl für deinen Gast bestellt,
Pastete, Wein, Geflügel, die mich kirrten.
Ich hoffe, daß du auch in einer andren Welt
Den Fremdling gleichermaßen wirst bewirten.

Denn leugne nicht: ich bin dir fremder als
Die Krüge, die dort auf dem Bordbrett lehnen,
Und dennoch lieg ich weinend dir am Hals,
Und du, du segnest meine Tränen.

Ich kam, o Gott, zu spät auf diese Welt.
Ich darf mit Vorsicht nur noch Mensch mich nennen.
Ich bin ein abgemähtes Feld,
Auf dem die letzten Erntefeuer brennen.

Du fragtest nicht nach meinem Leid und Glück,
Und ob ich alles dies erdulden möchte.
Du stießest in den Urwald mich zurück,
Daß ich aus Palmenfasern mir mein Lager flöchte.

Dies Lager ist kein Teppich des Gebets.
Der Rücken schmerzt. Es fiebern die Gelenke.
Tönt abendlich der Sang des Minarets,
Streb ich bezaubert in die Schenke.

Ich neige bei der Frauen monotonen
Gesängen meine graugepflügte Stirn.
Ich weiß, wir armen Menschen wohnen
In einer Wildnis, die wir nicht entwirrn.

Ich will wohl brünstig an das Höchste glauben,
Wenn mir das Schicksal nicht den Glauben wehrt.
Doch rechne ich mich zu den Stumm- und Tauben,
Wenn mich ein Mörder ewiges Leben lehrt.

Einst floß die Sintflut über unsren Leibern,
Jetzt überfällt uns eine Flut von Wein.
Verschlaf des Lebens Nacht bei schönen Weibern
Und sauf, so wirst du deiner ledig sein.

Wie Ambra duften, Mädchen, deine Locken,
Und deine Lippen sind wie Blumen sanft.
Dein Haar steht gelb wie reifer Roggen
An deiner Stirne lilienweißem Ranft.

Jetzt will ich nur noch deinen Nacken küssen,
Der leichte Flaum ist doch wie blondes Schwert.
Ich habe immer Frauen lieben müssen,
Die ihre Wimpern dumpf zum Licht gekehrt.

Ich rannte kreuz und quer durch dieses Leben,
Ich sah zur Sonne und zum Mond.
Ich klebte fliegenklein in Spinnenweben
Und hab in Höhlen krötenfeucht gewohnt.

Doch sah ich nie Geschöpfe, die dir glichen,
O vierzehnjährige Frau!
Der Morgen ist vor deinem Glanz erblichen,
Mit deinen Tränen weint der Abendtau.

Vor deinem Wuchs krümmt sich die schlanke Fichte,
Vor deiner Weißglut scheint die Sonne kalt.
Mein Antlitz spaltet sich in viel Gesichte,
Und jedes spiegelt mich als Mißgestalt.

Und doch, wie viele Mädchen sind
Vor dir, mein Kind, schon auf der Welt gewesen.
Und immer wieder weht der Wind
Und neigen Frauen sich beim Ährenlesen.

Der Mond wird oft noch über den Syringen
Der Schwermut blasse Kerze nachts entzünden,
Gleich einem Diener dir den Leuchter bringen -
Er wird dich suchen und dich nicht mehr finden…

Ach, unterm Rosenstock, der blühend winkte,
Liegt ein enterbter König hingemeuchelt.
Der Krokos, der mit Weisheit dich beschwingte,
Gab seinen Blütenschatten nur geheuchelt.

So will ich lieber tausend Schwüre brechen
Als einen Krug, der noch zum Weine gut ist.
Komm, Bruder Gott, laß uns im Dunkel zechen!
Ich trinke deinen Geist, der rot wie Blut ist.

Es blüht in mir der grüne Garten Eden,
Die Hölle speit mich an mit Rauch und Ruß -
Den Händler gleich in den Arkadenläden
Setz ich auf Teppiche von Qual den Fuß.

In mir ist beides: Himmelreich und Hölle.
In mir ist Gott und Teufel, Lust und Qual.
Ich bin das Meer, ich bin die Quelle,
Ich bin der Leichnam, der Schakal.

Und dieser Krug, den ich am Munde halte:
Er ist ein Abbild andrer Krüge nur.
Das Neue wird so ganz und gar das Alte -
Und eine gleicht der andren Wagenspur.

Ich würde weinen, wenn ich Tränen hätte.
Die Grille zirpt. Ein fremder Vogel schreit.
Ich wälze ruhlos mich auf hartem Bette -
Vergänglichkeit - Vergänglichkeit…

Entsetzlichstes der Worte, das erfunden:
O daß ich morgen nicht mehr heute bin!
Ich rausche wie ein Fluß von Stund zu Stunden
Und bin am Ende schon kaum zu Beginn.

Dies lockt zum Laster: daß wir sterben müssen.
Was jubelt ihr von einem Jenseits doch?
Ich will vergehen unter Huriküssen,
Mich beugen unter schlanker Arme Joch.

Ich bin von einer Nacht zum Morgen wieder
Der leichte, lose Junge, der ich war.
Ich trage wie im Tanze meine Glieder,
Und Frühlingswinde rauschen durch mein Haar.

Wo ist die Traurigkeit der vielen Stunden?
Des Nebels graue Öde ist dahin.
Ich habe mir aus Sonnenstrahlen einen Strauß gebunden
Und diene einer milden Königin.

Ich trage ein Gestirn an meinem Ringe,
Das fiel vom Himmel als ein Edelstein.
An meinen Schultern glänzt Libellenschwinge,
Ich ströme selig über Au und Rain.

Wenn nachts das Dunkel Gram und Elend brütet,
Kehr ich erheitert in den Tag zurück.
Ich liege in der Wiege Welt, behütet
Von der Geliebten goldnem Mutterblick.

Es sprach der Scheik: Du liebst die schönen Mädchen;
Sie sind wie Rauch, und keiner kann sie haschen.
Ihr Herz rollt wie ein Spielzeug leicht auf Rädchen.
Komm trinken, Freund, tu Silber in die Taschen.

Der Engel der Verheißung naht dir dann
Mit blauen Flügeln, die dich leicht beschweren.
Er lehrt dich Wolke sein und Sonnenmann
Und Mohn und Rade unter edlen Ähren.

Er schlägt Gestein aus deiner harten Brust
Und türmt dich zu unendlichen Gebirgen.
Du saugst der Höhe reine Ätherlust
Und brauchst der Tiefe Stickluft nicht mehr würgen.

Was soll, sprach ich, dein aufgestecktes Wort?
Du scheinst ein anderer, Gaukler, als du bist.
Die Rebe ist in diesem Jahr verdorrt.
Das Korn steht dürr. An Regen fehlts und Mist.

Was nennst du mich Gebirg und Felsengrat?
Ich bin nur groß, weil ich so Großes leide.
Ich weiß mir selber keinen Rat,
Und du verlangst, daß ich auf Steinen weide?

Des Hochgebirgs Gedenken muß ich hassen,
Sein Anblick ist es, der die Seele steinigt,
Denn glaubte sie sich vom Geröll gereinigt,
Schon schwemmt ein Gießbach neue Kieselmassen.

Geängstigt scheut sie vor dem harten Treiben
Und flüchtet gemsengleich auf steile Flächen,
Da naht das Licht in heißen Strahlenbächen,
Und ach, sie kann nicht auf dem Gipfel bleiben.

Es schmilzt der Schnee, es schmilzt der Gram der Berge
Im Sonnenkuß des Frühlings liebend hin.
Wir aber sind wie steingeformte Zwerge,
Entbunden einer Träumerin.

Wir schmelzen nie. Wir leuchten angekettet
Am Sonnenwagen, Sklaven seinem Licht.
Und wer uns etwa rettet,
Er rettet unsere Kinder nicht.

Ich war ein Kind. Nun hab ich selbst ein Kind,
Ich heb es fröhlich aus der Taufe.
Ich schenk ihm meinen Mut als Angebind,
Und alle Liebe trage ich zu Haufe.

Mein Kind macht seinen ersten Gehversuch.
Es eilt von Tisch und Wand zu welchen Fernen.
Es hängt an meinem Bein, es stützt sich auf mein Buch,
Ich will mit meinem Kinde gehen lernen…

So wie der Teller, leicht gewölbt, die Last
Der süßen Früchte gern und willig trägt,
So bist auch du, von Farben wirr bewegt,
Ein rundes Etwas nur voll Rast und Hast.

Wie wild du in den Nordwind schreist und harfst:
Zufrieden sei, daß dich ein Licht bestrahlt,
Daß Gott ein wenig bunt dich angemalt,
Und daß du manchmal Früchte tragen darfst…

Auf Tafeln ist das Sein uns vorgeschrieben,
So daß uns nur der Weg des Rhythmus blieb.
Das andere heißt: hassen oder lieben,
Weil Gott die Zeile »du« schon längst zu Ende schrieb.

Als er mich schrieb, da zitterten die Hände,
Und seine Augen waren blind:
So bin ich denn an meines Lebens Ende
Wohl Greis, und doch als Greis ein Kind.

Ich bin der Stein am Ringe der Natur
Ich bin ihr Sinn, ihr Rat und ihr Gerät.
Der Hagel, der in meine Felder fuhr,
Ich hab ihn bei der Aussaat nicht gesät…

Die Menschheit liegt in einem steten Krieg,
Seitdem sie Gott in seinem Wahn geschaffen.
Ein jeder glaubt an seines Glaubens Sieg.
Ein jeder traut dem Trotze seiner Waffen.

Wir hauen mit den Schwertern auf uns ein,
Wir beißen uns wie Hunde ineinander.
Und Trost ist nur im Rausch, und Rausch ist nur im Wein
Und in der Liebe zärtlichem Selbander.

Und als den Feind ich warf in Staub und Sand,
Dem Tränen Blutes aus den Augen rannen,
Da sprach er leis: Du, der mich überwand,
O hebe, eh du fällst, dich doch von dannen!

Der du auf deiner Schwere nur beruhst,
Und eisern deine Faust ins Handwerk reckst:
Bedenke, wie du schlafend Träume tust
Und wie ein Hund der Herrin Hände leckst.

O wolle nicht die Schwachen überblitzen
Gewitternd und mit donnerndem Getön!
Wann scheuchte Gott von seiner Hand die Gnitzen?
Ein wenig Blut von ihm macht jedes Wesen schön.

Der Gott spielt Schach mit uns. Die schwarzen Felder
Des Brettes deuten Nacht, die weißen Tag.
Die Schwangerschaft ist unsres Spiels Vermelder,
Das am Geburtstag noch beginnen mag.

So stellt er König, Läufer, Dame, Bauer
In Tag und Nacht, ganz wie es ihm beliebt.
Hier steht ein dicker Turm auf seiner Lauer,
Ein Springer dort, der scheinbar Vorsprung giebt.

Schachmatt. Die Fahnen sinken von den Masten.
Und unwirsch wirft der Spieler das Gebein
Der knochigen Figuren in den Kasten
Und läßt das Spiel gewesen sein.

Ich geh betäubt zum abendlichen Mahle,
Mit Nebel der Erinnerung bekränzt,
Da naht der Engel mit der klaren Schale,
Der mir den dunklen Trank kredenzt.

Und als wir unsre Augen höher hoben,
Da glänzten sie ertrunken wie in Wein.
Die goldnen Ströme der Gestirne schnoben
Zu unsren Füßen leopardenklein.

Die Kröten krochen mit azurnen Bäuchen,
Die Tannen weinten weißen Morgentau,
Und aus den Teichen, Wolken und Gesträuchen
Trat blau der Himmel, sanft wie eine Frau.

Die Sonne raste an der dunklen Kette.
Uns aber fror die Zunge, daß sie schwieg.
Und gläsern funkelte und klang die Mette
Und salbte uns mit ewiger Musik.

Am Morgen wacht man auf. Man schlendert in Bazare,
Kauft einen Teppich oder zwei.
Betrachtet die und lobpreist jene Ware
Und also geht der Tag vorbei.

Man eilt zur gleichen Tür hinaus,
Durch die des Händlers Bude man betreten.
Ein altes Blumenmädchen reicht uns einen Strauß.
Man fragt: Woher? Wohin? Von welchen Beeten?

Der Veilchen, Nelken, Rosen, Anemonen
Schwüle Gerüche uns wie Sklaven fächeln.
Und wie wir das verhärmte Weib entlohnen,
In ihren Augen blitzt ein Dirnenlächeln.

Ich bin ein kleines Licht und brenne in den Schenken,
Am rechten Ort, verwahrt vorm Windeswehn,
Ich bin nicht Ampel über heiligen Bänken,
Ich wär ein Nichts im Glanze der Moscheen.

Ich ehre den Koran. Und mir gefällt sein Wesen;
Doch hat sein Studium wenig mir genützt.
Ich muß von Zeit zu Zeit die Verse lesen,
Die in den Rand der Krüge eingeritzt.

Warum hat Mohammed den süßen Wein verboten,
Den sauren Yoghurt doch erlaubt?
Ich sandt durch alle Himmel einen Boten
Mit Weinlaub schön behängt das junge Haupt.

Der Bote kam zurück. Sein Lächeln sah ich winken:
Mohammed meint, es habe keine Not.
Du darfts, o Omar, ewig darfst du trinken,
Da er den Toren nur den Wein verbot.

Bin ich ein Tor? Der Weisheit leichte Zelte,
Ich nähte schwer an ihnen mondelang.
Da kam ein Sturmwind, brüllend, und er fällte
Das Werk der Hände, das die Nacht verschlang.

Nun sitz ich nächtlich unter freiem Himmel
Und sehne mich nach deinem Stern, Saturn.
Und meine Seele weidet wie ein Schimmel
Auf dürrem Ödland mit verhaltnem Murrn.

Die sieben Tore öffnen ihre Flügel,
Und die Planeten wandeln ihre Bahn.
Schon führt der Morgen sein Gespann am Zügel
Und hinterm Hause kräht der Hahn.

Das Licht singt seine flammenden Gesänge,
Im rasenden Zenith, im sinkenden Nadir.
Da ich als Taube flog, geriet ich in des Greifen Fänge.
Nun trag ich seiner Krallen Mal an mir.

Ich darf euch das Geheimnis nicht vertrauen,
Nicht dir, mein schönes Kind, und nicht dem wertsten Freund.
Ich stehe blind vor allen schönen Frauen;
Ich bin ein Bettler, der durchs Weltall streunt.

Mein Gott, du warfst mir Münzen in die Mütze.
Die Mütze war verfilzt und zeigte Loch bei Loch.
Das Gold fiel in die Pfütze
Und liegt wohl in der Pfütze noch.

Ich bin zu stolz, es aus dem Dreck zu heben.
Ich will den Lohn aus deiner eignen Hand.
Ich will, o Gott, mein Leben
Und nicht ein fremdes zugewandt.

Als gestern ich mit den Kumpanen zechte,
Da blies der Abendwind die Kerzen aus.
Das Dunkel hing ins Haus wie eine Flechte,
Und unsre Augen sahen Gram und Graus.

Da schlugest du in dem entrückten Dunkel
Den Krug mir aus der fest gekrampften Faust.
Der Wein vergoß sich nieder mit Gefunkel.
Ich stand im Nichts, vom Tränenstrom umbraust.

Was nahmst du mir den Wein? Und löschtest die Laterne?
Spannst du auch mich an deinen Pflug? -
Es sprach ein Geist aus einer hohen Ferne:
Omar, du selbst zerschlugst den Krug.

Du warst von Liebe und von Freundschaft trunken
(Von Liebe doch und Freundschaft nicht allein…)
Da bist du in den Staub gesunken
Und fraßest Erde tief in dich hinein. -

Ich will die Trunkenheit dir zugestehen.
Ich brenne ewig, da ich mal entbrannt.
Die Sterne, die in deinem Hause stehen,
Sind Fackeln, die ich einst Dir zugesandt.

Du wirst das Paradies für mich verwahren,
Die schöne Huri, die so ruhlos schweift.
Dann, Herr, kehr ich vielleicht nach vielen Jahren
In ein Herz zurück, das mich begreift.

O laß mich sterben, Herr, ich bin ein toter Mann,
Was nützt mir noch ein weiteres Jahrhundert?
Fing ich noch einmal an, stürb ich noch einmal dann,
Dein Fangballspiel hat Omar nie bewundert.

Ich will die Stunden meines späten Tods
Mit den Geliebten und den Freunden bechern;
Dann tragt mich beim Gesang des Abendrots
Nach meines Hauses innersten Gemächern.

Dort steht ein Sarg aus härtestem Metall,
Legt mich hinein und wollt ihn gut verschließen,
Daß Frauenkuß und Früchtefall,
Des Seins Geräusche mich im Nichtsein nicht verdrießen.

Aus meinem Grabe aber steigt ein Duft
Von rosenfarbenen, von erlauchten Weinen,
Chimären wandeln seufzend durch die Luft
Und tanzen mit den schlanken Geisterbeinen.

Wenn dann ein Freund der fernen Ahnung lauscht,
Stürzt aus der Tiefe strömend süßer Odem -
Da sinkt er wohl, von Wein und Tod berauscht,
Gleich einem heiligen Trunkenbold zu Boden.

Omar Khayyâm

 

 

 

 

Der Ölbaumgarten

Er ging hinauf unter dem grauen Laub
ganz grau und aufgelöst im Ölgelände
und legte seine Stirne voller Staub
tief in das Staubigsein der heißen Hände.

Nach allem dies. Und dieses war der Schluß.
Jetzt soll ich gehen, während ich erblinde,
und warum willst Du, daß ich sagen muß,
Du seist, wenn ich Dich selber nicht mehr finde.

Ich finde Dich nicht mehr. Nicht in mir, nein.
Nicht in den andern. Nicht in diesem Stein.
Ich finde Dich nicht mehr. Ich bin allein.

Ich bin allein mit aller Menschen Gram,
den ich durch Dich zu lindern unternahm,
der Du nicht bist. O namenlose Scham...

Später erzählte man, ein Engel kam –.

Warum ein Engel? Ach es kam die Nacht
und blätterte gleichgültig in den Bäumen.
Die Jünger rührten sich in ihren Träumen.
Warum ein Engel? Ach es kam die Nacht.

Die Nacht, die kam, war keine ungemeine;
so gehen hunderte vorbei.
Da schlafen Hunde, und da liegen Steine.
Ach eine traurige, ach irgendeine,
die wartet, bis es wieder Morgen sei.

Denn Engel kommen nicht zu solchen Betern,
und Nächte werden nicht um solche groß.
Die Sich-Verlierenden läßt alles los,
und die sind preisgegeben von den Vätern
und ausgeschlossen aus der Mütter Schoß.

Rainer Maria Rilke
(1875 - 1926), eigentlich René Karl Wilhelm Johann Josef Maria, österreichischer Erzähler und Lyriker

Das Lenzsymptom zeigt sich zuerst beim Hunde,
Dann im Kalender und dann in der Luft,
Und endlich hüllt auch Fräulein Adelgunde
Sich in die frischgewaschene Frühlingsluft.

Ach ja, der Mensch! Was will er nur vom Lenze?
Ist er denn nicht das ganze Jahr in Brunst?
Doch seine Triebe kennen keine Grenze –
Dies Uhrwerk hat der liebe Gott verhunzt.

Der Vorgang ist in jedem Jahr derselbe:
Man schwelgt, wo man nur züchtig beten sollt,
Und man zerdrückt dem Heiligtum das gelbe
Geblümte Kleid – ja, hat das Gott gewollt?

Die ganze Fauna treibt es immer wieder:
Da ist ein Spitz und eine Pudelmaid –
die feine Dame senkt die Augenlider,
Der Arbeitsmann hingegen scheint voll Neid.

Durch rauh Gebrüll läßt sich das Paar nicht stören,
Ein Fußtritt trifft den armen Romeo –
Mich deucht, hier sollten zwei sich nicht gehören…
Und das geht alle, alle Jahre so.

Komm, Mutter, reich mir meine Mandoline,
Stell mir den Kaffee auf den Küchentritt. –
Schon dröhnt mein Baß: Sabine, bine, bine…
Was will man tun? Man macht es schließlich mit.

Kurt Tucholsky

 

 

 

 

 

Annchen von Tharau

Annchen von Tharau ist, die mir gefällt,
Sie ist mein Leben, mein Gut und mein Geld.
Annchen von Tharau hat wieder ihr Herz
Auf mich gerichtet in Lieb' und in Schmerz.
Annchen von Tharau, mein Reichthum, mein Gut,
Du meine Seele, mein Fleisch und mein Blut!

Käm' alles Wetter gleich auf uns zu schlahn,
Wir sind gesinnet bei einander zu stahn.
Krankheit, Verfolgung, Betrübnis und Pein
Soll unsrer Liebe Verknotigung seyn.
Annchen von Tharau, mein Licht, meine Sonn,
Mein Leben schließ' ich um deines herum.

Recht als ein Palmenbaum über sich steigt,
Je mehr ihn Hagel und Regen anficht;
So wird die Lieb' in uns mächtig und groß
Durch Kreuz, durch Leiden, durch allerlei Noth.
Annchen von Tharau, mein Reichthum, mein Gut,
Du meine Seele, mein Fleisch und mein Blut!

Würdest du gleich einmal von mir getrennt,
Lebtest, da wo man die Sonne kaum kennt;
Ich will dir folgen durch Wälder, durch Meer,
Durch Eis, durch Eisen, durch feindliches Heer.
Was ich gebiete, wird von dir gethan,
Was ich verbiete, das läßt du mir stahn.

Was hat die Liebe doch für ein Bestand,
Wo nicht Ein Herz ist, Ein Mund, Eine Hand?
Wo man sich peiniget, zanket und schlägt,
Und gleich den Hunden und katzen beträgt?
Annchen von Tharau, das woll'n wir nicht thun;
Du bist mein Täubchen, mein Schäfchen, mein Huhn.

Was ich begehre, ist lieb dir und gut;
Ich laß den Rock dir, du läßt mir den Hut!
Dies ist uns Annchen die süsseste Ruh,
Ein Leib und Seele wird aus Ich und Du.
Dies macht das Leben zum himmlischen Reich,
Durch Zanken wird es der Hölle gleich.

Simon Dach

 

 

 

 

 

An die Geliebte

Göttin mit dem Rosenmunde,
Mein ganzes Ich ist eine einz'ge Wunde,
Mein Herz ein Apfel, wo der Liebe Made
Sitzt drinnen und zerfrißt es ohne Gnade.

Den Teig deiner Reize knet' ich stets in meinen Sinnen,
Hoch gehrt er auf, als wäre Hefe drinnen;
Du bist ein Löschpapier, das meine Sinnen trinket,
Du bist ein Teich, worin mein Herz versinket.

Von hartem Pockenholz ist dein Herz gedrechselt,
Meine Seele hast du zu Spreu zerhexelt,
Mein Tränenstrom könnt' einen Fixstern löschen,
Doch kalt bleibst du, wie gesäugt von Fröschen.

Auf deinen Wangen läßt sich's botanisieren,
weil Rosen und Lilien dort florieren,
Und von der Lippen rotem Unterkissen
Hat Amor mich mit seinem Pfeil geschmissen.

Wie den Schneemann sich die Straßenbengel,
So aus Äther webten dich die Engel,
All' ihre Schönheit schenkten sie der Einen,
Daß sie nun selbst wie schwarze Kater scheinen.

Und Hunde nach dem Hafen lechzen,
Wie Raben nach dem Aase krächzen,
Wie nach dem Blute dürst't der Floh,
Nach deiner Liebe ächz' ich so.

Die Uhren laufen vor Liebesglut schneller,
Das Eis vor Sehnsucht schmilzt in dem Keller,
Vor Liebespein brüllen die Mücken wie Kühe,
Graubärtige Eichen fall'n auf die Kniee.

Könnt' ich deine Liebe dadurch erhalten,
Die Erde woll' ich wie einen Käse spalten,
Ich schlüge die Sonne mit Keulen tot
Und brächte sie dir zum Abendbrot.

Ich kröche zum Schornstein der Welt hinaus,
Ich brächte dir eine Engelslaus,
Ich prügelte dem Mond die Hucke voll
Und würde zuletzt vor Liebe toll.

Georg Karl Reginald Herloßsohn

 

 

 

Und wieder nun läßt aus dem Dunkeln
Die Weihnacht ihre Sterne funkeln!
Die Engel im Himmel hört man sich küssen
Und die ganze Welt riecht nach Pfeffernüssen ...

So heimlich war es die letzten Wochen,
Die Häuser nach Mehl und Honig rochen,
Die Dächer lagen dick verschneit
Und fern, noch fern schien die schöne Zeit.
Man dachte an sie kaum dann und wann.
Mutter teigte die Kuchen an
Und Vater, dem mehr der Lehnstuhl taugte,
Saß daneben und las und rauchte.
Da plötzlich, eh man sich's versah,
Mit einem Mal war sie wieder da.

Mitten im Zimmer steht nun der Baum!

Man reibt sich die Augen und glaubt es kaum ...
Die Ketten schaukeln, die Lichter wehn,
Herrgott, was giebt's da nicht alles zu sehn!
Die kleinen Kügelchen und hier
Die niedlichen Krönchen aus Goldpapier!
Und an all den grünen, glitzernden Schnürchen
All die unzähligen, kleinen Figürchen:
Mohren, Schlittschuhläufer und Schwälbchen,
Elephanten und kleine Kälbchen,
Schornsteinfeger und trommelnde Hasen,
Dicke Kerle mit rothen Nasen,
Reiche Hunde und arme Schlucker
Und Alles, Alles aus purem Zucker!

Ein alter Herr mit weißen Bäffchen
Hängt grade unter einem Äffchen.
Und hier gar schält sich aus seinem Ei
Ein kleiner, geflügelter Nackedei.
Und oben, oben erst in der Krone!!
Da hängt eine wirkliche, gelbe Kanone
Und ein Husarenleutnant mit silbernen Tressen –
Ich glaube wahrhaftig, man kann ihn essen!

In den offenen Mäulerchen ihre Finger,
Stehn um den Tisch die kleinen Dinger,
Und um die Wette mit den Kerzen
Puppern vor Freuden ihre Herzen.
Ihre großen, blauen Augen leuchten,
Indess die unsern sich leise feuchten.
Wir sind ja leider schon längst »erwachsen«,
Uns dreht sich die Welt um andre Achsen

Und zwar zumeist um unser Bureau.
Ach, nicht wie früher mehr macht uns froh
Aus Zinkblech eine Eisenbahn,
Ein kleines Schweinchen aus Marzipan.
Eine Blechtrompete gefiel uns einst sehr,
Der Reichstag interessiert uns heut mehr;
Auch sind wir verliebt in die Regeldetri
Und spielen natürlich auch Lotterie.
Uns quälen tausend Siebensachen.
Mit einem Wort, um es kurz zu machen,
Wir sind große, verständige, vernünftige Leute!

Nur eben heute nicht, heute, heute!

Über uns kommt es wie ein Traum,
Ist nicht die Welt heut ein einziger Baum,
An dem Millionen Kerzen schaukeln?
Alte Erinnerungen gaukeln
Aus fernen Zeiten an uns vorüber
Und jede klagt: Hinüber, hinüber!
Und ein altes Lied fällt uns wieder ein:
O selig, o selig, ein Kind noch zu sein!

Hermann Oscar Arno Alfred Holz

 

 

 

 

Moderne Lebensweisheit
[Eine Epistel]

Komm' her, mein Sohn, ich will dich Weisheit lehren:
Zuerst vor allem ist es deine Pflicht,
Du mußt den König und die Kirche ehren,
Denn ohne diese beiden geht es nicht. –
Dann mußt du mit der Polizei dich stellen

Auf guten Fuß – und mit den Hunden bellen
Nach Hundeart – doch darfst du unterdessen
Zurzeit dabei das Wedeln nicht vergessen. –
Fehlt auch der Schwanz, man kann es so schon machen
Und sichert sich dabei recht schöne Sachen

An Gunst und Geld, du siehst es ja bei mir. –
Zum Muster nimm dir auch das Schneckentier –
Durch Überhastung schadet man sich viel –
Wo du nicht geh'n kannst, kriech' gemach zum Ziel. –
Auch übe dich recht fleißig im Lavieren –

Dreht sich der Wind – du mußt es gleich verspüren
Und dich mitdreh'n – oft hält dies sehr genau –
Sei nicht zu hitzig, doch auch nicht zu lau. –
Hab' nie 'ne Meinung, die verstößt nach oben,
Und sei gewandt im Tadeln und im Loben,

Ganz selbstverständlich, wo's am Platze ist. –
Daß du dich stets gerierst als guter Christ,
Als Patriot und stramme Ordnungsstütze,
Ist unerläßlich und zu vielem nütze. –
Dann noch, mein Sohn, beherzige die Lehr':

Laß es an Lust und Müh' dir nicht verdrießen –
Der Anfang ist in allen Dingen schwer –
Sei nur beharrlich und du wirst genießen
Gar reichen Lohn, wenn erst die Ernte reif. –
Wahr' stets den Schein – doch auf die Skrupeln pfeif,

Denn was man so im Leben nennt Gewissen,
Ist für die Dummheit gut – drum sei beflissen,
Das Ding den andern fleißig vorzuführen,
Dich selber darf's in keinem Fall genieren,
Emporzuklimmen auf der Lebensbahn –

Das Wörtchen ›Ehre‹ ist ein bloßer Wahn. –
Anseh'n ist gut – doch besser ist das Geld,
Und bist du erst zur Million geschnellt,
Ich sag' es dir zu deinem Nutz und Frommen,
So werden leicht noch Millionen kommen,

Und alles and're kommt von selbst mit an: –
Die Titel, Orden und der Ehrenmann –
Magst du auch im geheimen drüber lachen –
Es hält die Welt gar viel auf solche Sachen. –
Du aber, Sohn, beherzige zum Schluß

Die Quintessenz von meinem ganzen Rat:
Der Weisheit A und O ist der Genuß –
Nach uns die Sündflut und – der Zukunftsstaat. –

Heinrich Kämpchen

 

 

 

Wochenandacht

Woche spricht in sieben Tagen,
mahnt zum Kämpfen, nicht zum Klagen,
spitz die Ohren halt den Mund,
stillstes Lauschen ist gesund.
In der Zeit der leiblich Not
achte doppelt geistig Brot!

Sonntag

Ob du an Gott glaubst?
Stolzes Menschlein, ach, wie nichtig!
Daß Gott an dich glaubt,
das allein ist wichtig,
damit dein ehrfüchtig erfülltes Leben
den Weltgeist zwingt, auf dich achtzugeben.

Montag

Den Freund ertragen,
den Feind erschlagen -
rettet's dich je,
schaffst du selbst dir Plagen,
bist selbst in dir allen Elendes voll?
Zahl erst des eignen Unwerts Zoll!

Dienstag

Feinde? Sind's nicht beste Freunde?
Wie oft schon dein Gewissen streunte,
Erbfeind zwingt's zum rechten Wege,
Todfeind lockt's aus dem Gehege
schlimmer Torheit Selbstgenügen.
Fort mit allen Lebenslügen!
Meister eigener Geistnatur,
sichre deines Herr'ntums Spur!
Feinde, Freunde, laß sie schmeicheln,
lügen, trügen, giftig speicheln,
du, in Seelenfestigkeit,
steh' wie Fels im Kampf und Streit!

Mittwoch

Musik! Sie hilft aus vielen Nöten,
ob mit Trompeten, Geigen, Flöten.
Sing dir selbst eins, tanz dazu,
drückt dich noch so schlimm der Schuh -
Sphärenklänge aus selger Ferne -
tanz wie Gottes Himmelssterne!
Heilig sei ihr Rhythmus dir,
und im Notfall zähl drei vier -
Musik, mein Herz! Ach, laß uns springen,
aus Wirrnis Harmonie erzwingen!

Donnerstag

Nimm bösen Alltag nicht zu ernst,
vom Sauertopf nichts Süßes lernst.
Die Donnerer und Spektakelmacher,
selbst Übermenschen, Pazifisten,
sie wollen dich nur überlisten
und treiben mit der Tugend Schacher.
Laß Laffen läffeln, Affen äffeln,
Hunde hündeln, Mond ankläffen -
halt fest am frommen Menschentum,
veracht gemeinen Tagesruhm,
zieh deines Wegs in Fried hienieden,
genieße, was dir Gott beschieden!

Freitag

"Den Christus ans Kreuz und Barnabeas frei!"
Denk' nicht, daß die Geschichte erfunden sei.
"Sein Blut über uns und Kindeskind!"
Die Worte in der Schrift verbürgt uns sind.
Schauerlich wie Blut und Blutgeruch
wittert durch Völker und Zeiten Pharisäerfluch.
Freiheit für Schächer, Schieber und Schinder,
Kreuze für Gott und Gotteskinder:
Jenseits von Gut und jenseits von Bös!
Von Sünd und Lästerung, Herr, uns erlös!

Samstag

Liebe heißt Dienst, noch in bescheidensten Grenzen,
drum bet' und arbeit', nicht um zu glänzen,
nicht um weltlicher Schätze willen,
deiner Seele ewige Sehnsucht sollst du stillen!
Dienstwillig frei! Ohne Trotz des Knechts,
ohne zu blinzeln nach links oder rechts,
so will Gottvater die Menschheit han,
tüchtig den Mann,
gebärfroh das Weib,
das Volkstum rein, reich, heilig bleib.
So mit Lieben und Dienen die Sele durchlichtet,
das Wochentagwerk bleibt wohl verrichtet.
Nun nahe, du Sonntag, Tag des Herrn,
aus Nacht und Dunkel bricht sieghell dein Stern!
Sieh, Morgenglanz hüllt unsere Heimat ein,
wir jauchzen ihr zu, trotz Trübsal und Pein!

Michael Georg Conrad

 

 

 

Vergänglichkeit
I.
Des Lebens Karawane zieht mit Macht
Dahin, und jeder Tag, den du verbracht
Ohne Genuß, ist ewiger Verlust.
Schenk ein, Saki! Es schwindet schon die Nacht.
II.
Weißt du, warum bei jedes Frührots Schein
Der Hahn dich schreckt durch sein eindringlich Schrein?
Weil wieder eine Nacht vom Leben schwand,
Und du schläfst sorglos in den Tag hinein.
III.
Unter des Mondes wechselvollem Licht
Das Schicksal uns kein Morgenrot verspricht.
Drum trink im Schein des Monds, denn mancher Mond
Blickt auf die Erde einst und sieht uns nicht!
IV.
Geschlechter sind erglüht wie helle Funken,
Haben gelebt, geliebt, gehaßt, getrunken;
Sie leerten hier ein Glas und sind verlöscht,
Sind in den Staub der Ewigkeit versunken.
V.
Die goldnen Lichter, die am blauen Weltrad gehn,
Haben sich viel gedreht und werden viel sich drehn. -
Und wir, im ew'gen Kreislauf der Erscheinungen,
Kommen auf kurze Zeit, um wieder zu vergehn.
VI.
Was hat dies Weltrad nicht viel edles Blut vergossen!
Wie manche Blume welkt, die kaum der Erd' entsprossen!
Verlaß dich, Knabe, nicht auf deiner Jugend Glanz!
Wie manche Knospe fiel, ehe sie noch ward erschlossen!
VII.
In diesem Garten, der erstickt das Gute,
Bring ich mein Leben hin mit trübem Mute,
So wie die Knospe ist mein Herz beengt
Und wie die Tulpe rot von eignem Blute.
VIII.
Die Rose, die in meinem Garten stand,
Sprach: "Ich bin Joseph aus Ägyptenland."
"An welchem Zeichen", fragt' ich, "kenn ich das?"
Sie sprach: "An meinem blutigen Gewand."
IX.
Was hab' ich denn von all des Lebens Plagen? - Nichts!
Von aller meiner Müh' davongetragen? - Nichts!
Was nützt mir's, daß ein Licht ich war, wenn ich verbrannt?
Was nützt das Glas Djemschids, wenns doch zerschlagen? - Nichts!
X.
All unser Leben und Streben - was taugt's?
Und all unser Wirken und Weben - wer braucht's?
Im großen Schicksalsofen verbrennt
So vieles Edle und Gute - wo raucht's?
XI.
Wenn längst wir nicht mehr sind, wird sich dies Weltrad drehn,
Wenn unsre Spuren längst im Sand der Zeit verwehn.
Einst waren wir noch nicht -und 's hat nichts ausgemacht;
Wenn einst wir nicht mehr sind - wird's auch noch weitergehn.
XII.
Was kann das Leben uns denn nun noch weiter frommen?
Was es uns etwa bringt, wird uns auch gleich genommen! -
Wüßten die Ungebornen nur, wie wenig wir
Vom Leben ziehn - sie würden nicht erst kommen.
XIII.
War einst ein Schloß, das bis zum Himmel ragte,
Vor dessen Mauern Königsstolz verzagte,
Auf dessen Trümmern klagt jetzt des Täubchens Ruf,
Der klingt, als ob's nur wo, wo? wo, wo? fragte.
XIV.
Ein Vogel saß einst auf dem Wall von Tûs,
Vor ihm der Schädel König Keikawûs,
Und klagte immerfort: "Afssûs, afssûs!
Wo bleibt der Glocken und der Pauken Gruß?"
XV.
Der Töpfer in der Werkstatt stand
Und formte einen Krug gewandt,
Den Deckel aus eines Königs Kopf,
Den Henkel aus eines Bettlers Hand.
XVI.
O Töpfer, nimm dich etwas mehr in acht,
Behandle deinen Ton mit mehr Bedacht !
Du hast vielleicht den Finger Feriduns
Und Cyrus' Hand mit auf dein Rad gebracht.
XVII.
Einst schwebte dieser Krug, wie ich, in Liebesbangen,
In dunkler Locken Netz war er, wie ich, gefangen;
Und was am Hals des Krugs als Henkel du erblickst,
War eine Hand einst, die der Liebsten Hals umfangen.
XVIII.
Gestern zerschlug ich meinen Krug mit Wein
In meiner Trunkenheit an einem Stein.
Da sprach des Kruges Scherbe: "Wie du bist,
War ich, und wie ich bin, wirst du einst sein."
XIX.
Was predigst du vom Fasten und vom Beten?
Statt zur Moschee laß uns ins Weinhaus treten,
Füll Krug und Becher, eh' sie deinen Staub,
Khayyam, zu Krügen und zu Bechern kneten.
XX.
O komm, Geliebte, komm, es sinkt die Nacht,
Verscheuche mir durch deiner Schönheit Pracht
Des Zweifels Dunkel! Nimm den Krug und trink,
Eh' man aus unserm Staube Krüge macht.
XXI.
Dort auf dem Wiesengrün, vom Bach umflossen,
Sind tausend prächt'ge Blumen aufgeschossen.
Tritt leise auf das Grün! Wer weiß, ob's nicht
Aus einer Blumenwangigen Staub entsprossen! -
XXII.
Wo aus der Erde Tulpen rot entsprossen,
Ist sicher eines Königs Blut geflossen.
Und wo ein Veilchen aus der Erde blickt,
Hat einst ein holdes Auge sich geschlossen.
XXIII.
Nimm an, dein Leben sei ganz nach Wunsch gewesen - was dann?
Und wenn das Lebensbuch nun ausgelesen - was dann?
Nimm an, du lebtest in Freuden hundert Jahr -
Nimm mein'thalb an, es seien zweihundert gewesen - was dann?
XXIV.
Und lebtest du dreihundert Jahr und drüber noch hinaus,
Aus dieser Karawanserei mußt du einst doch hinaus.
Ob du ein stolzer König warst oder ob bettelarm,
Das kommt an jenem letzten Tag aufs selbe doch hinaus.
XXV.
Von allen, die den weiten Weg gemacht,
Hat keiner Nachricht noch zurückgebracht.
Laß nur nichts liegen in dieser Herbergswelt!
Nie kehrt zurück, wer sich erst aufgemacht.
XXVI.
Der Jugend Buch ist aus - und war doch kaum begonnen!
Kaum hat der Lenz geblüht, ist er auch schon verronnen.
Ich merkt' nicht, wie sie kam, noch wie sie flog davon,
Die holde Nachtigall, die Zeit der Jugendwonnen.
XXVII.
O Zeltmacher, dein Leib gleicht einem Zelt,
Der Sultan "Geist" nur kurze Rast drin hält.
Und wenn der Sultan sich zum Aufbruch schickt,
Dann kommt der Tod und bricht es ab, das Zelt.

Welträtsel

XXVIII.
Von dieser Erdenwelt scheid' ich nun ab,
Die kurze Zeit lang mir ein Obdach gab;
Von allen Rätseln ward mir keins gelöst,
Und tausend Zweifel nehm' ich mit ins Grab.
XXIX.
Als ich noch in der goldnen Jugend stand,
Schien mir des Daseins Rätsel fast bekannt
Doch jetzt, am Schluß des Lebens, seh' ich wohl,
Daß ich von allem nicht ein Wort verstand.
XXX.
Ich war ein Falke, den sein kühner Flug
Hinauf zum Reich der ew'gen Rätsel trug.
Dort fand ich keinen, der sie mir enthüllt,
Und kehrt zur Erde wieder bald genug.
XXXI.
Hoch überm Firmament sucht' ich die Quelle
Von Vorbestimmung, Paradies und Hölle.
Da sprach mein weiser Lehrer: "Freund, in dir
Allein sind Kismet, Paradies und Hölle."
XXXII.
Von dieses Weltrads Drehung verstand ich nichts,
Und außer Zweifeln darunter fand ich nichts.
Im Ringen nach Erkenntnis bracht' ich hin
Mein langes Leben - und doch erkannt' ich nichts.
XXXIII.
Was diesen goldnen Dom in Umlauf einst gesetzt,
Und wie sein stolzer Bau ins Wanken kommt zuletzt,
Hat keines Weisen Stein zu finden noch vermocht
Und keine Waage noch, kein Maßstab abgeschätzt.
XXXIV.
Kein Mensch erklärt die Rätsel der Natur,
Kein Mensch setzt einen Schritt nur aus der Spur,
Die seine Wesensart ihm vorschrieb, und es bleibt
Der größte Meister doch ein Lehrling nur.
XXXV.
Von diesem Kreis, in dem wir hier uns drehn,
Kann ich nicht Anfangspunkt, nicht Endpunkt sehn.
Noch keiner sagt' mir, wo wir kamen her,
Und keiner weiß, wohin von hier wir gehn. -
XXXVI.
Mit Schmerzen führt'st ins Dasein Du mich ein.
Das Leben gab mir nichts als lauter Pein,
Mit Widerstreben scheid' ich. - Sprich, was war
Der Zweck von meinem Kommen, Gehn und Sein?
XXXVII.
Was hat es Dir genützt, daß ich gekommen?
Was hilft's Dir, wenn Du einst mich fortgenommen?
Ach, keines Menschen Ohr hat je vernommen,
Wozu von hier wir geh'n, wozu hierher wir kommen.
XXXVIII.
Als Du das Leben schufst, schufst Du das Sterben:
Uns, Deine Werke, weiht'st Du dem Verderben.
Wenn schlecht Dein Werk war, sprich, wen trifft die Schuld?
Und war es gut, warum schlägst Du's in Scherben?
XXXIX.
Zuerst hatt' ich mein Ich noch nicht erkannt,
Zuletzt zerschneid'st Du des Bewußtseins Band.
Da dies von Anfang Deine Absicht war,
Was macht'st Du mich erst mit mir selbst bekannt?
XL.
Das Rätsel dieser Welt löst weder du noch ich,
Jene geheime Schrift liest weder du noch ich. -
Wir wüßten beide gern, was jener Schleier birgt,
Doch wenn der Schleier fällt, bist weder du noch ich.
XLI.
Könnt'st lebend du der Welt Geheimnis fassen,
Würd'st auch im Tod von diesem Hort nicht lassen.
Was lebend du nicht faß'st, wie willst du das
Erst fassen, wenn die Sinne dir erblassen?
XLII.
Die einen streiten viel um Glauben und Bekenntnis,
Die andern grübeln tief nach Wissen und Erkenntnis;
So wird es geh'n, bis einst der Ruf sie schreckt:
Es fehlt so euch wie euch zur Wahrheit das Verständnis.
XLIII.
Um Dogmen und Satzungen streiten die einen,
Die andern um Glauben oder Verneinen.
Wer sind nun die, denen die Wahrheit sich zeigt?
Die Antwort ertönt: sie zeigt sich keinem.
XLIV.
Der Welt Geheimnis wirst du nicht ergründen,
das Wort, das keiner fand, wirst du nicht finden.
Schaff dir mit Wein ein Erdenparadies!
Ob's dort ein Paradies gibt, wird sich finden.
XLV.
Von allen, die auf Erden ich gekannt,
Ich nur zwei Arten Menschen glücklich fand:
Den, der der Welt Geheimnis tief erforscht,
Und den, der nicht ein Wort davon verstand.

Lehre

XLVI.
In einem Arm den Krug, im andern den Koran,
Bald auf dem graden Weg, bald auf verbotner Bahn,
So bin ich unter dem türkisgewölbten Dom
Kein ganzer Heide und kein rechter Muselman.
XLVII.
Als Gott einst meinen Brei zurechtgegossen,
Ist Gut' und Böses mit hineingeflossen.
Drum kann ich wahrlich auch nicht besser sein,
Als Er mich selbst einst in die Form gegossen.
XLVIII.
Nach Regeln der Vernunft zu leben,
Ist zwar ein gar vergeblich Streben,
Doch Meister Schicksals flinke Hand
Schlägt tüchtig zu und lehrt uns leben.
XLIX.
Durch Heuchelei kannst du das Volk belügen,
Was Gott dir schickt, darein mußt du dich fügen;
Was du für List und Ränke auch ersinnst,
Was hilft's? Das Schicksal kannst du nicht betrügen.
L.
Der bin ich nicht, daß ich vorm Tode könnte beben;
Viel eher als vorm Tod bangt es mir noch vorm Leben.
Gott hat das Leben mir geliehn auf kurze Zeit,
Wenn er's zurückverlangt, bin ich's bereit zu geben.
LI.
Die Großen, die die Ämter all gepachtet
Und vor Begier nach Gold und Ehr' verschmachtet,
Die sehen den kaum als 'nen Menschen an,
Wer nicht, wie sie, nach Geld und Titeln trachtet.
LII.
Die keinen Schritt jemals vom Weg gemacht,
Die bis zum Morgen nie die lange Nacht
Im Suchen nach der Wahrheit durchgewacht,
Und manchen Braven um Leib und Ehr' gebracht.
LIII.
Laß Weise nur und Edle in dein Haus,
Nimm vor dem Toren meilenweit Reißaus.
Reicht dir ein Weiser Gift, so trink's getrost,
Reicht Gegengift ein Tor dir, gieß es aus!
LIV.
Der Menschen eitle Lust gleicht einem bösen Hunde,
Der durch sein leer Gebell uns stört zu jeder Stunde,
Fuchsartig schleicht und wie ein Hase schläft,
Mit Wolfestücke uns versetzt manch tiefe Wunde.
LV.
Solche Verbote, wo es ausgeschlossen,
Daß man sie einhält, sind denn das nicht Possen?
Ist das nicht so, als riefst Du: "Umgedreht
Den vollen Becher, doch nichts ausgegossen?"
LVI.
Du hast uns tausend Fallen aufgestellt
Und sprichst: "Verdammt ist der, der in sie fällt!"
Wir sündigen -und tun doch Dein Gebot,
Denn Dein Gebot beherrscht die ganze Welt.
LVII.
O Herr! von Selbstgefälligkeit erlöse mich!
Lenk mich zu Dir, und von mir selbst erlöse mich!
Solang ich nüchtern bin, kenn' Gut und Böse ich,
Vergessen laß im Rausch Du Gut und Böse mich.
LVIII.
Als gestern mich mein Fuß ins Weinhaus trug,
Sah einen trunknen Greis ich, den ich frug:
"Fürcht'st du dich nicht vor Gott?" Er aber sprach:
"Gott ist ja gnädig, trink! Du bist nicht klug."
LIX.
Khayyam! ob deiner Sünden Last was schämst du dich?
Warum zu beß'rer Einsicht nicht bequemst du dich?
Dem, der nicht sündigt, wird auch nicht verziehn;
Vergebung folgt der Sünde -drum was grämst du dich?
LX.
Warum denn nur den Weltlauf angeklagt?
Warum mit Grübeln nur das Herz zernagt?
Sei guter Dinge, denn man hat dich ja
Von allem Anfang nicht um Rat gefragt.
LXI.
Daß ich geboren ward, verdank' ich Deiner Huld,
Mein hohes Alter Deiner Langmut und Geduld.
Nach hundertjähr'gem Sündenleben will ich sehn,
Ob Deine Gnade größer oder meine Schuld.
LXII.
Ich hab' auf Deine Huld mich ganz und gar verlassen
Und Deiner Lehren Weg seit manchem Jahr verlassen.
Wo Deine Gnade strahlt, ist ja doch alles gleich:
Versäumt ist wie Geschehn, Getan wie Unterlassen.
LXIII.
Der Böses du getan und Gutes unterlassen
Und dich auf Gottes Huld und Gnade hast verlassen,
Glaub mir! trotz Gottes Huld ist doch am Jüngsten Tag
Versäumt nicht gleich Geschehn, Getan nicht Unterlassen.
LXIV.
O halt mir fern des Lebens bange Sorgen,
Mein böses Tun halt vor der Welt verborgen;
Laß heut mich glücklich sein, und was Dir dann
In Deiner Gnade gut dünkt - tu mir morgen.
LXV.
O Frömmler, einen Wunsch nur mir erfülle!
Spar deinen guten Rat und schweig mir stille.
Glaub mir, ich geh' gradaus, du siehst nur schief -
Drum laß mich gehn und kauf dir eine Brille!
LXVI.
Zu dem Propheten sollt ihr gehn und sagen:
"Es läßt Khayyam dich grüßen und dich fragen:
Wie kommt's, daß saure Milch du mir erlaubt
Und daß ich süßem Weine soll entsagen?"
LXVII.
Geht zu Khayyam und sagt, ich laß ihm sagen:
"Ein Tor nur kann so unvernünftig fragen.
Den Weisen trifft ja nicht mein Weinverbot,
Allein dem Toren mußt ich ihn versagen."
LXVIII.
Was heut hierher mich trieb? Ich sag' es unverhohlen:
Ich hatt' in der Moschee 'nen Betteppich gestohlen,
Der ist jetzt alt und schlecht, drum kam - ein seltner Gast -
Ich heute wieder her, 'nen neuen mir zu holen.
LXIX.
In Kirchen und Moscheen und Synagogen
Wird man um seiner Seele Ruh' betrogen.
Doch dem, der der Natur Geheimnis ahnt,
Wird keine Angst vorm jenseits vorgelogen.
LXX.
Kaaba und Götzenhaus bedeuten Knechtung,
Der Christen Glocken, hört, sie läuten Knechtung.
Kirche und heil'ge Schnur und Rosenkranz und Kreuz,
Wahrlich, sie alle nur bedeuten Knechtung.
LXXI.
Der ganzen Schöpfung letzter Zweck sind wir,
Im Weltenauge sind die Sehkraft wir.
Die ganze Welt ist wie ein großer Ring,
Wir sind der Edelstein, des Ringes Zier.
LXXII.
Der Tropfen weint: "Wie bin vom Meer ich weit!"
Das Weltmeer lacht: "Vergeblich ist dein Leid!
Sind wir doch alle Eins, sind alle Gott -
Uns trennt ja nur das winz'ge Pünktchen 'Zeit'-"
LXXIII.
War auch der Tugend Kleinod nicht das meine,
Strahlt' ich auch nicht in voller Sündenreine,
So zweifl' ich doch an Deiner Gnade nicht,
Nannt' ich doch niemals Zwei das ewig Eine.

Wein und Liebe

LXXIV.
Da nun einmal das Glück den meidet, der Verstand hat,
Und da man Toren nur im Glücke stets gekannt hat,
So trink, was den Verstand benimmt,
Das Glück nicht Sympathie mit deinem Unverstand hat.
LXXV.
Die Zeit des Frühtrunks rückt heran, o Schenke!
Zum Weinhaus führ mich hin, wohlan, o Schenke!
Was fruchtet jetzt noch frommer Rat, sei still,
Spar deine Sprüche und stoß an, o Schenke!
LXXVI.
Eh' dich die Sorgen ganz erschlagen haben,
Sollst du am rosenfarbnen Wein dich laben;
Du bist ja doch kein Gold, das man verscharrt,
Um es dann später wieder auszugraben!
LXXVII.
Mit Weltschmerz deine Seele plage nicht!
Um das, was einmal hin ist, klage nicht!
An Wein und süßen Lippen lab dein Herz,
Und in den Wind dein Leben schlage nicht!
LXXVIII.
Seit Mond und Venus ihre Bahnen gehn,
Hat man was Beßres nicht als Wein gesehn.
Mich wundert's nur, daß jemand Wein verkauft!
Was kann er Beßres denn dafür erstehn?
LXXIX.
Der Koran sagt, im Paradies sei Wein
Der Frommen Lohn und holde Mägdelein. -
Dann sei schon hier mir Lieb' und Wein erlaubt,
Wenn's droben doch dasselbe nur soll sein!
LXXX.
Ich trinke nicht aus bloßer Lust am Zechen,
Noch um des Korans Lehre zu durchbrechen,
Nur um des Nichtseins kurze Illusion! -
Das ist der Grund, aus dem die Weisen zechen.
LXXXI.
Der flüssige Rubin, der sich ergießt
Und lachend aus dem Hals der Flasche fließt,
Ist eines Herzens Blut - und der Krystall
Ist eine Träne, die ihn rings umschließt.
LXXXII.
Wenn Du mit meinem Elend Mitleid hast,
Nimm von der Schulter mir der Sünden Last!
Verzeih dem Fuß, der nach der Schenke strebt,
Verzeih der Hand, die nach dem Becher faßt!
LXXXIII.
Ich nahm mir endlich vor, nüchtern und fromm zu sein,
Und in mein Herze zog nun voller Friede ein.
Doch ach! die Frömmigkeit zerschellt' am ersten Krug,
Die Nüchternheit ertrank im ersten Becher Wein!
LXXXIV.
An jedem Tag nehm' ich mir vor aufs neue,
Daß ich das Trinken lasse und bereue;
Doch nun voll Rosenduft erschienen ist
Der holde Lenz - bereu' ich meine Reue.
LXXXV.
Heut ist der holde Tag nicht warm und kalt auch nicht,
Die Wolke wäscht der Welt ihr Blumenangesicht,
Ich hör' die Nachtigall, wie sie zur Rose spricht:
"Blüh auf und lieb und trink, eh' dich der Herbstwind bricht."
LXXXVI.
Was dir die Zukunft bringt, das frage nicht,
Und die vergangne Zeit beklage nicht.
Allein das Bargeld "Gegenwart" hat Wert,
Nach dem, was war und sein wird, frage nicht.
LXXXVII.
Mach's wie die Tulpe, schwing zum Neujahrsfest
Den Purpurkelch! - und bring des Jahres Rest
Mit einer tulpenwangigen Maid dahin,
Eh' dich des Schicksals Glut verwelken läßt.
LXXXVIII.
Ein Liederbuch, ein Brot, ein irdner Krug voll Wein,
Vom Lamm ein Schenkelstück -und dann so ganz allein
In weiter Flur mit dir, du tulpenwang'ge Maid,
Ein Sultan möchte wohl an meiner Stelle sein!
LXXXIX.
O weh um jenes Herz, in dem kein Feuer brennt
Das nicht die hehre Glut der Liebessonne kennt;
Wer einen ganzen Tag ohn' Liebe hingebracht,
Tut recht, wenn jenen Tag er 'nen verlornen nennt.
XC.
Wahrhaft Verliebten ist Schön und Häßlich gleich;
Sie fragen nicht, ob Höll', ob Himmelreich,
Ob ihre Kleidung Lumpen oder Samt,
Ihr Pfühl ein Backstein oder Polster weich.
XCI.
Wenn ich einst sterbe, waschet mich mit Wein,
Ein lust'ges Trinklied soll mein Grablied sein!
Und wenn am Jüngsten Tag man nach mir fragt,
So sucht im Staub der Schenke mein Gebein.

Schlußworte

XCII.
Ich geh' dahin und laß die Welt zurück im Streit,
Und hatt' von hundert Perlen doch kaum eine aufgereiht. -
Unausgesprochen blieb so manches tiefe Wort,
Weil's doch niemals verstanden hätte meine Zeit.
XCIII.
Omar, der Zeltmacher, hat von früh bis spät
An manchem Zelt der Philosophie genäht,
Bis Schicksals Schere sein Lebensseil ihm kappt
Und Trödler Tod ihn um ein Nichts ersteht.

Omar Khayyâm


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